sireneoperntheater_6554_c_friess.jpg sireneoperntheater_6496_c_friess.jpg sireneoperntheater_8083_c_friess.jpg sireneoperntheater_7907_c_friess.jpg sireneoperntheater_6523_c_friess.jpg Hoffnung_GP_c_Nadja-Meister-53.jpg sireneoperntheater_6447_c_friess.jpg Hoffnung_GP_c_Nadja-Meister-8.jpg sireneoperntheater_7144_c_friess.jpg sireneoperntheater_zumurrud1_c_friess.jpg Schicksal_GP_c_Nadja-Meister-80.jpg sireneoperntheater_6462_c_friess.jpg sireneoperntheater_7099_c_friess.jpg sireneoperntheater_7372_c_friess.jpg sireneoperntheater_7399_c_friess.jpg sireneoperntheater_6611_c_friess.jpg sireneoperntheater_8102_c_friess.jpg sireneoperntheater_8064_c_friess.jpg Schicksal_GP_c_Nadja-Meister-26.jpg sireneoperntheater_6485_c_friess.jpg sireneoperntheater-yunanduban__c_friess.jpg sireneoperntheater_7964_c_friess.jpg Schicksal_GP_c_Nadja-Meister-16.jpg sireneoperntheater_6571_c_friess.jpg sireneoperntheater_7106_c_friess.jpg sireneoperntheater_7314_c_friess_01.jpg sireneoperntheater_7255_c_friess.jpg sireneoperntheater_7066_c_friess.jpg sireneoperntheater_7157_c_friess.jpg sireneoperntheater_6394_c_friess.jpg sireneoperntheater_7939_c_friess.jpg sireneoperntheater_7945_c_friess.jpg sireneoperntheater_yahya_c_friess.jpg sireneoperntheater_6422_c_friess.jpg sireneoperntheater_7827_c_friess.jpg sireneoperntheater_7228_c_friess.jpg sireneoperntheater_7222_c_friess.jpg sireneoperntheater_7036_c_friess.jpg sireneoperntheater_6371_c_friess.jpg sireneoperntheater_7309_c_friess.jpg sireneoperntheater_zumurrud3_c_friess.jpg Hoffnung_GP_c_Nadja-Meister-24.jpg sireneoperntheater_6513_c_friess.jpg sireneoperntheater_6541_c_friess.jpg Schicksal_GP_c_Nadja-Meister-12.jpg Hoffnung_GP_c_Nadja-Meister-20_02.jpg Hoffnung_GP_c_Nadja-Meister-58.jpg sireneoperntheater_7850_c_friess.jpg Schicksal_GP_c_Nadja-Meister-55.jpg Hoffnung_GP_c_Nadja-Meister-70.jpg

Die Presse - 29. August 2011, Wilhelm Sinkovicz

Operntheater: Brotfabrik wird zum Tempel der Poesie

Orientalische Märchenpoesie und eine leere Expedit-Halle in Wien Favoriten – gibt es größere Gegensätze? Andererseits: Eine kluge Lichtregie zaubert mit ein paar warmen Rottönen auf die Rückwand einer Industriearchitektur von anno 1898 eine Kulisse, wie sie stimmungsvoller kaum zu denken ist.
Vielleicht ist das Ende des Sommers, wenn die Festspielprogramme allenthalben auslaufen, der ideale Termin, ein von teuren Kostüm- und Kulissenspektakeln verwöhntes, möglicherweise von diesen sogar schon übersättigtes Publikum in einen unschuldigeren Theaterzustand zurückzuführen. Weg jedenfalls von allfälligen Ärgernissen teuer bezahlter, überheblicher Regierohrkrepierer.
So versucht es das „Sirene“-Operntheater heuer mit einer ehrgeizigen Agglomeration von Uraufführungen im pittoresken Ambiente der alten Ankerbrotfabrik. Wo früher tagtäglich Zigtausende von Semmeln und Salzstangerln auf den Weg gebracht wurden, spielt man jetzt Märchenopern. Das ist eine Form von zivilisatorischem Endspiel, gewiss, aber es hat Charme.
Vor allem bekommen auf diesem Wege elf Komponisten Aufträge, kurze Beiträge zum Musiktheater zu liefern. Und da wir seit einiger Zeit die Unbilden der ästhetischen Diktate der Nachkriegsmoderne endgültig überwunden haben, passieren dann in einem solchen Rahmen Uraufführungen, die den Zuschauern auch Freude bereiten können. Ein Massenpublikum wird man auf diese Weise zwar vermutlich nie erreichen, aber eine hübsche Blüte treibt an der traurigen Mauer unserer Kultur-Ruinen. Über solche kleinen Wunder freut man sich ja in der Kunst wie in der Natur am allermeisten.
Also? sirene hat diesmal den Orient und orientalische Märchen als Bezugspunkt gewählt, nicht ohne zeitgemäße Beziehungen herzustellen, versteht sich. Und weil die Kunst des Erzählens nicht nur von Scheherazade 1001 Nächte lang praktiziert wurde, sondern als Träger der kulturellen Überlieferung entscheidend war, nimmt man in der Ära von CNN auch diese Tradition auf und lässt erzählen – immer vor den musikalisch-theatralischen Darbietungen gibt es Nachrichten und Geschichten zu hören.
Mehr oder weniger erfreulich, mehr oder weniger aktuell aus den Ländern importiert, in denen einstens die morgenländische Poesie einen Grundstock für die verträumte Märchenlust gelegt hat, die uns heute noch umfangen kann, wenn sich jemand aufs Erzählen versteht.
Nach politisch-kultureller Einbegleitung geht es denn auch los mit dem Fabulieren, in Bildern, in Klängen, mit oder ohne gesprochenen beziehungsweise gesungenen Text. Der Musiktheaterbegriff reicht diesmal von der veritablen Kurzoper zum Tanzstück. Und es darf sogar gelacht werden, wenn Akos Banlaky doch tatsächlich die Burka zum Thema einer Pantomime macht, in der sich eine Dame, umtrippelt von staunenden Leidensgenossinnen mit allerlei Puppenspielerversatzstücken in die virtuelle Nacktheit freispielt.
Die Musik dazu ist suggestives Crescendo, von Harfe, Schlagwerk und einigen Streicher- und Bläsersolisten vorangetrieben, raffiniert gebaut, wie alles, was am zweiten Abend dieser ehrgeizigen Unternehmung zu hören war, musiziert vom jungen Instrumentalensemble unter François-Pierre Descamps. Die musikalischen Ansätze der Komponisten sind so unterschiedliche wie die Sujets, die sie gewählt haben, René Clemencic kommt überhaupt mit Trompeten und Schlagzeug aus, schöpft Motive wie gewohnt aus Textbausteinen und findet zu mystisch-entrückter, kühler Sinnlichkeit.
Kurt Schwertsik erzählt die Parabel vom auf dem Markt geprellten Fischer (Erwin Belakowitsch singt ihn mit schönem, lichtem Bariton) in abgezirkelten Kleinformen, und man erinnert sich, dass er einmal eine „Schrumpfsymphonie“ komponiert hat. Hier kondensiert er Opernarien ins Liliput-Format – und schreibt so eingängige Musik wie, auf ganz andere, sehr rhythmisch betonte Weise, auch Lukas Haselböck: Er erzählt vom König, der seinen Wunderheiler kurzerhand köpfen lässt, weil er hinter dessen Geheimnis kommen möchte. Verlorene Tyrannenmüh, versteht sich.
Für solche Uninszenierbarkeiten, deren Libretti sie übrigens selbst gedichtet hat, ist Kristine Tornquist die ideale Regisseuse: Sparsam, aber mit Fantasie, die im Beschauer hie und da die kindliche Kasperltheaterfreuden wiedererwecken kann, lässt sie die von Markus Kuscher stilvoll gewandeten Darsteller agieren. Licht ist das wichtigste Dekor. Ungewöhnliche Abende sind jedenfalls garantiert.

Andere Kritiken