Trotzkis Tiger

Während sie einmal nach den Donauquellen hinab lustwandelten, erzählte Huldbrand von der Herrlichkeit des edlen Stromes und wie er wachsend durch gesegnete Länder fließe, wie das köstliche Wien an seinen Ufern emporglänze und wie er überhaupt mit jedem Schritt seiner Fahrt an Macht und Lieblichkeit gewinne. – „Es müsste herrlich sein, ihn so bis Wien einmal hinabzufahren!“ brach Bertalda aus, aber gleich darauf schwieg sie errötend still. Eben dies rührte Undine sehr, und im lebhaftesten Wunsch, der lieben Freundin eine Lust zu machen, sagte sie: „Wer hindert uns denn, die Reise anzutreten?“ Die beiden Frauen begannen sofort sich die anmutige Donaufahrt mit den allerhellsten Farben vor die Sinne zu rufen. Auch Huldbrand stimmte fröhlich darin ein; nur einmal sagte er besorgt Undine ins Ohr: „Aber weiterhin ist Kühleborn wieder gewaltig.“

Der Leser ahnt natürlich, dass die so im Übermut begonnene Reise nicht gut enden kann, die dunkle Anspielung auf den mächtigen Wassergeist Kühleborn legt sich wie ein Schatten über die Szene, und wirklich muss Undine schon am Ende des Kapitels von Friedrich de la Motte Fouqués gleichnamigen Märchen wieder in die Welt der Elementargeister zurückkehren: sie stieg hinüber in die Flut, verströmte darin, man wusste nicht, es war wie beides und wie keins. An nichts hatte das romantische Kunstmärchen so viel Gefallen, wie an dem Hereinbrechen des Unheimlichen in die Idylle, am Kippen des heitersten Augenblicks in den bedrohlichsten. Und wenige Figuren eignen sich so für die Darstellung dieser Ambivalenz, wie Nixen, Seejungfrauen, Rusalken und Undinen. In dieser Szene gipfelt das Unheimliche der Begegnung mit den Geistern auch noch darin, dass die Beobachter Zeugen der Verschmelzung Undines mit dem Element, dem Wasser, werden - die nur in der Kunst überwindliche Trennung des Subjekts von der Welt war das schmerzhafte Lebensgefühl der Epoche. Friedrich de la Motte Fouqués romantisches Kunstmärchen Undine erschien 1811 und griff einen spätmittelalterliches Motiv auf. Fouqué lässt die Geschichte demnach in einer nicht genauer bezeichnetet Ritterzeit spielen, der Ort ist ein geheimnisvoller und gefährlicher Wald an der Donau. ETA Hoffmann, der wie kein anderer einen Sinn für das unter der friedlichen Oberfläche versteckte Unheimliche hatte, zeigte sich begeistert von dem Stoff und schuf nach Fouqués Libretto die erste Oper Undine, die 1816 in Berlin im Theater am Gendarmenmarkt uraufgeführt wurde und einige Zeit sehr erfolgreich gespielt wurde, bis sie, nach einem Brand der Requisiten 1817, vom Spielplan des Theaters verschwand und in der Rezeptionsgeschichte von Lortzings erfolgreicheren Version des Stoffes verdrängt wurde. Hoffmann/Fouqués Undine war immerhin so in aller Munde, dass Beethoven davon Abstand nahm, ein Libretto von Grillparzer (Melusina) mit sehr ähnlichem Motiv zu vertonen, woraufhin Conradin Kreutzer den Text erwarb, der danach seine „romantische Zauber Oper“ gestaltete, die 1833 in Berlin und 1835 in der Josefstadt gespielt wurde.
Bezeichnenderweise waren die Märchen und Geschichten über die Wassergeister gerade in der Zeit besonders en vogue, als man begann, in grundsätzlicher Weise die natürlichen Wasserläufe so zu beeinflussen, dass sie allmählich und auf lange alles Unheimliche und Märchenhafte verlieren sollten. Lortzings überaus populäre Oper Undine nach Fouqués Märchen wurde 1845 in Magdeburg uraufgeführt. Schon 1849 wurde in Wien die Donauregulierungskommission eingesetzt, die, nach langen Beratungen, erste Schritte für jene Festlegung des Donauverlaufs setzte, den wir heute in Wien kennen. Die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, nach einer scheinbar idyllischen, märchenhaften Natur, konnte sich als unterhaltendes Motiv erst durchsetzen, als die Natur industriell beherrschbar wurde und in einem Ausmaße aus dem Alltag verdrängt wurde, wie es sich keine vorherige Generation hatte vorstellen können.
In der romantischen Idylle einer ungeteilten magisch/mythischen Welt liegt ein utopischer Kern verborgen, der vielleicht deutlich wird, wenn man an Novalis bekanntes Gedicht denkt: Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren/Sind Schlüssel aller Kreaturen/Wenn die, so singen oder küssen,/Mehr als die Tiefgelehrten wissen,/Wenn sich die Welt ins freye Leben/Und in die Welt wird zurück begeben,/Wenn dann sich wieder Licht und Schatten/Zu ächter Klarheit werden gatten,/Und man in Mährchen und Gedichten/Erkennt die wahren Weltgeschichten,/Dann fliegt vor Einem geheimen Wort/Das ganze verkehrte Wesen fort. Ein programmatischer Text, der nicht zufällig in der ökologischen Bewegung der siebziger Jahre wieder auffällig populär wurde.
Bestimmend im Umgang mit der Natur und ihren Gefahren blieb bekanntlich, weit über das technikbegeisterte 19. Jahrhundert hinaus, eine andere Strategie, jene der Beherrschung, der technischen Machbarkeit - und das unabhängig der Wirtschaftssysteme. So etwa in Leo Trotzkis utopischen Entwurf von 1923: Aber nicht nur zwischen der Kunst und der Industrie wird die Trennwand fallen, sondern gleichzeitig auch zwischen der Kunst und der Natur. Nicht in jenem Sinne, dass die Kunst sich dem Naturzustand nähern wird, sondern im Gegenteil, dass die Natur „künstlicher“ werden wird. Die gegenwärtige Verteilung von Berg und Tal, Feldern und Wiesen, Steppen, Wäldern und Meeresküsten darf man keinesfalls als endgültig bezeichnen. Gewisse Veränderungen hat der Mensch bereits im Bild der Natur hervorgebracht; aber das sind im Vergleich zu dem, was noch kommen wird, nur schülerhafte Experimente. Wenn der Glaube nur versprach, Berge zu versetzen, so ist die Technik wirklich imstande, Berge abzutragen und sie zu versetzen. (…) Der sozialistische Mensch will die Natur in ihrem ganzen Umfang einschließlich der Auerhähne und der Störe mit Hilfe von Maschinen beherrschen. Er wird ihnen ihren Platz anweisen und zeigen, wo sie weichen müssen. Er wird die Richtung der Flüsse ändern und den Ozeanen Regeln vorschreiben.(…)Wildnis und Wald, Auerhähne und Tiger wird es wahrscheinlich auch dann noch geben, aber nur dort, wo ihnen der Mensch ihren Platz anweist. Und er wird dies so gescheit einrichten, dass selbst der Tiger den Baukran nicht bemerken und nicht melancholisch werden, sondern wie in Urzeiten weiterleben wird. Die Maschine steht nicht im Gegensatz zur Erde. Die Maschine ist auf allen Lebensgebieten ein Werkzeug des modernen Menschen.

Kristine Tornquists Märchen spielt ironisch mit den romantischen Märchenmotiven. Das Donauweibchen durchwandert unter wechselndem Namen die Zeiten und durchlebt mit dem Donaugeist die finstersten Momente, in denen der Fluss unter den Menschen ächzt. Bevor es zum lieto fine kommt, wo sich die Au freut, dass alle Sonntage mein Spaziergänger mich besuchen kommt, dämmert es dem Donauvater, dass noch nicht alles ausgestanden ist: Die Natur und ihr schwierigstes Geschöpf, die Menschheit.
Einen langen Atem muss die Natur haben, um sich mit den Menschen zu versöhnen.
Einen sehr langen Atem müssen wir haben, wir Flüsse, Tiere, Pflanzen, wir Wesen dieser Erde,
denn fast haben die Menschen uns schon die Luft abgedrückt,
fast haben sie uns schon erwürgt,
bevor sie begreifen,
dass es ihr eigner Hals ist und ihre eigene Luft.

Natürlich möchten wir glauben, dass alles gut ausgeht. Angesichts der behüteten Schönheit des Auwaldes im Nationalpark Donauauen, den beachtenswerten Mühen, die man auf sich nimmt um sie zu erhalten und seiner, im Verhältnis zum restlichen Verlauf des Flusses, recht eng begrenzten Ausmaße, beschleicht den Besucher jedoch mitunter der Verdacht, sich in einer gezähmten Idylle zu befinden. Anders als Trotzkis Tiger nimmt er dies jedoch mit einer gelegentlichen Melancholie wahr.

Isabelle Gustorff