Avopolis, 27.02.2020, Gerasimos Domenikos & Costas Farazoulis (pdf)

Kristine Tornquist und Periklis Liakakis - Chodorkowski

Was bedeuten Aufstieg und Fall des Ölmagnaten Chodorkowski und sein facettenreicher Konflikt mit Putin für Griechenland im Jahr 2020? Die Oper spielt in Russland nach der Perestroika. Wenn man nach einem militärischen Ethikhandbuch sucht wäre man wahrscheinlich enttäuscht. Periklis Liakakis (Musik) und Kristine Tornquist (Libretto und Regie) nutzen die turbulente Biographie des russischen Tycoons nicht, um ein moralisches Manifest mit falsch und richtig zu schreiben. Im Gegenteil. Sie stellen ein Paar gewöhnlicher Leute in den Vordergrund, um die katastrophalen Auswirkungen des Handelns der Verantwortlichen an der Spitze der Pyramide auf das Leben der Menschen zu zeigen. Der Tanz der goldgewandeten Fortuna entlang der Erzählachse ist dabei ein gelungenes Gleichnis.
Musikalisch ist Liakakis Oper sehr personenzentriert geschrieben. Die Themen folgen der Charakteristik der Figuren, manchmal ehrgeizig, manchmal verzerrt oder ironisch. Der Komponist hat hervorragende Arbeit geleistet, wobei die Musik wie eine dramatische Maschine funktioniert. Das Orchester brachte die Komposition unter der Leitung von Jury Everhartz subtil zum Klingen.
Tornquists Werk verdient besondere Würdigung, da ihr Text mitten im Sturm des postsowjetischen Russland zu ausgewogener Poesie findet. Ihre Worte gehen eine perfekte Synergie mit der Musik ein und erzählen von der politischen Männlichkeit Russlands. Tornquist findet die wunden Punkte des hegemonialen Machismus. Beharrlichkeit kämpft gegen Rauheit, Aggression geht Hand in Hand mit Abenteuerlust und List liegt im Judogriff der emotionalen Temperamente. Gleichzeitig sprechen Mutter und Sohn Chodorkowski in beinahe archetypischer Zuneigung miteinander.
Die Oper wurde auf wirklich schöne Weise gesungen, wobei der freundlich lächelnde Clemens Kölbl einen ernsten, introspektiven und melancholischen Chodorkowski gab, mit starker Affinität zu seiner Mutter Ingrid Habermann. Steven Schescharegs Setschin war nachhaltig beeindruckend, noch mehr Alexander Mayr als Putin. Ob seine hektische und energievolle Darbietung ein Kommentar zur Persönlichkeit des russischen Präsidenten ist? Die Kostüme und Bühne von Markus Kuscher und Andrea Költringer sind äußerst effektiv und geschmackvoll.
Thematisch steht diese Aufführung, die auch die Opernsprache fliessend spricht, sowohl musikalisch als auch inhaltlich voll auf der Höhe der Zeit.

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