Der Neue Merker, 22.11.2015, Ernst Kopica (pdf)

CHODORKOWSKI von Periklis Liakakis. Spannende Zeitgeschichte (Vorstellung: 21.11.2015)

Die Geschichte der russischen Oligarchen erinnert an historische adelige Streitigkeiten und Monarchenmorde. Besonders die Auseinandersetzung von Igor Iwanowitsch Chodorkowski mit Präsident Putin besitzt alle Ingredienzien eines Shakespear’schen Königsdramas. Kristine Tornquist schuf daraus im Jahr 2013 ein packendes Libretto unter dem Titel „Chodorkowski„, das von Periklis Liakakis vertont wurde. Die Zeitspanne des Plots erstreckt sich von 1989 bis 2013, wobei allerdings Chodorkowskis Freilassung aus den russischen Gefängnissen und seine darauffolgende Übersiedlung in die Schweiz erst nach Fertigstellung des Werkes erfolgte.
In einer rasanten nahtlosen Abfolge von Bildern stehen sich in den gut zwei Stunden des Abends die beiden Machtprinzipien gegenüber – die Macht der Politik und die Macht des Geldes. Aber auch ein weiteres Gegensatzpaar ist gleich zu Beginn präsent: Putin ruft „Sicherheit“, Chodorkowski erwidert mit „Freiheit“! Tornquist hält sich bei ihrem Text weitgehend an die historischen Fakten, bringt aber eine Nebenhandlung mit ein, nämlich ein Paar aus dem Volke. Der originelle Aufführungsort im Semperdepot wird perfekt ausgenützt, die begrenzten Mittel eines Off-Theaters fallen nie störend auf. Im Gegenteil: Dass man den Erdöl-Konzern YUKOS als schwarzes Ölfass darstellt, aus dem goldene Lametta hervorquillt, war schlechthin genial.
Der Humor kommt in dieser Inszenierung (die Librettistin zeichnete auch für die Regie verantwortlich) ebenfalls nicht zu kurz und ist beim „Buffopaar“ Iwan und Natascha in besten Händen. Die Glücksgöttin Fortuna (die sich an ihre jeweiligen Favoriten heranmacht und von Bärbel Strehlau abwechselnd sympathisch und erotisch angelegt wird) bringt choreographische Elemente ein und fungiert auch als Revue-Nummerngirl, wenn sie die Akteure mit ihren Namensschildern vorstellt. Doch am Ende stellt sich heraus, egal ob feudal, kommunistisch oder plutokratisch, in Fortunas Reich ist jeder seines Glücks oder Unglücks Schmied.
Doch bis es dahin kommt, erlebt man die spannende Beziehung zwischen den beiden Protagonisten, die zu Beginn einander nicht so unähnlich waren – zwei junge ehrgeizige Männer mit großen Plänen. Sobald die beiden Kontrahenten ganz oben angekommen sind und sich gegenüberstehen, zeigen sich deren charakterlichen Unterschiede. Während der eine (Putin) sein Revier absichert, riskiert Chodorkowski noch einmal alles. Aber nach seiner Verhaftung scheint er doch ein anderer geworden zu sein. Das offene Ende der Oper birgt Hoffnung, obwohl wie immer die kleinen Leute als Spielball der großen Kräften auf der Strecke geblieben sind. Das erkannte auch Liakakis (der Grieche absolvierte sein Studium in Wien). Er verzichtete daher auch konsequent auf naheliegende pompöse Blechbläserklänge und folkloristisches Gepräge.
Das hielt ihn aber dennoch nicht davon ab, vor der Ouvertüre als russischer Bär pantomimisch vors Publikum zu treten und erst nach Ablegen des Fellkostüms zum Dirigentenpult zu gehen. Sein „Rotes Orchester“ bestand aus fünf Streichern, sechs Blasinstrumenten, Akkordeon und Schlagwerk! Die musikalische Umsetzung überraschte positiv (auch wenn man sich in die Formsprache erst einhören musste), pointillistisch wurden die Akzente gesetzt. Keine Breitwandfilmmusik, eher kammermusikalisch angehaucht bleibt das Orchester (auch räumlich) eher im Hintergrund. Die Gesangspartien verlangen den 13 Sängern alles ab: Sprechgesang, wahnwitzige Höhen, forcierter Einsatz der Kopfstimme. Klar, dass sich hier das „Gefälle“ der Besetzung bemerkbar machte. Absolut dominierend gestaltete Steven Scheschareg Putins Einflüsterer Setschin, mit tönendem Bariton zog er dominant die Fäden. Auch das Paar aus dem Volk (Sébastien Soulès als Iwan, Lisa Rombach als Natascha) zählte in sängerischer Hinsicht zu den Pluspunkten. Rollendeckend wirkte Alexander Mayr als Putin. Sein spröder Tenor/Countertenor passte perfekt zum Technokratenimage des Präsidenten. Clemens Kölbl sang und spielte (wunderbar) die Titelrolle. Die auch aus anderen Fächern bekannte Ingrid Habermann als Chodorkowskaja und Gernot Heinrich als Newslin zogen sich gut aus der Affäre.
Ein Wort noch zum perfekt gemachten Programm: So reichhaltige Hintergrundinformationen (auch das gesamte Libretto war abgedruckt) würde man sich auch an größeren Häusern wünschen. Jubel für alle Beteiligten, ein Besuch ist noch am 23., 25. und 26. November möglich und wird dringend empfohlen.

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