Handlung und Komplexität
Ein guter Vortrag kann eine gute Menge Wissen vermitteln, einen Denkansatz, eine Denkweise sogar. Ob in einem Medium oder als Monolog auf der Bühne: man wird belehrt und im besten Fall klüger sein als zuvor. Hindernis sind dann nur noch Gedächtnisschwäche oder eine gegenläufige Meinung, von der man nicht ablassen will.
Bei einer Geschichte läuft der Prozess ganz anders. Sie kommt fast gewichtlos daher, der Rezipient schlendert gleichsam neben ihr her und vergisst sich dabei langsam selbst, er wird gezogen von Spannung, Neugier, Lachen, dem Wiedererkennen eigener Emotionen und existenzieller Schrecken. Er wird angeschoben vom Plot. Eine gute Geschichte erscheint wie naturgewachsen, so als sässe man wie ein Steinzeitmensch am Lagerfeuer und lauschte einem Erfahrungsbericht aus dem Leben und Erfahrungen eines anderen. Der Autor verschwindet hinter seiner Geschichte. Nichts angenehmer als das!
So kann leicht übersehen werden, was subkutan alles mitläuft. Nichts ist ein besserer Container für Komplexität als Geschichten: hier werden Denkweisen gegeneinander verhandelt - und zwar nicht mittels Worten, sondern mittels Taten - hier werden Ursachen und Folgen seziert, hier werden Meinungen positioniert ohne sie zu erwähnen, hier kann etwas durch sein Gegenteil bewiesen werden, hier wird ein Raum erzeugt, in dem man nachdenkend spazieren gehen kann, hier wird die Vielstimmigkeit der Welt nicht auf eine Stimme heruntergebrochen. Nicht von ungefähr bringt die Literaturgeschichte Bände über Bände über eine einzige Geschichte hervor, denn so viel kann in einer einzigen scheinbar simplen Geschichte entdeckt werden. (man denke an die homerschen Mythen, die zig Generationen immer wieder zu neuen Interpretationen gebracht haben.) Und all das ohne Zeigefinger!
Leo Perutz war ein guter Schriftsteller und ein herausragender Geschichtenerfinder. Seine Geschichten begleiten die einzelnen Protagonisten, die er gegeneinader ins Rennen schickt, mit derselben Aufmerksamkeit und Zuneigung, so dass der Rezipient selbst seinen Pfad im Dickicht der Möglichkeiten und Werte suchen muss. Wer hat recht? Wer ist der Held? Das definiert Perutz nicht, er lässt seine Leser im Verlauf der Geschichte den eigenen Pfad suchen, die Bedeutungen selbst verhandeln, die Moral der Gschicht selbst schreiben, er lässt seine Leser selber denken. Und genau das zeichnet eine gute Geschichte aus - dass man in ihr räumlich leben kann statt nur als eindimensionaler Adressat einer Erkenntnis zu dienen.
Intuitiv war Perutz‘ Arbeit an seinen Plots jedoch nicht, im Gegenteil. Sie sind ausgeklügelte Konstruktionen von ausserordentlich raffinierter Symmetrie, in denen jedem Element sein Negativ gegenübersteht, in denen jeder Bogen, der sich öffnet, wieder geschlossen wird, in dem sich die Parabeln des Auf- und Abs zu einer eleganten Choreografie zusammensetzen. Das hat auch etwas Artifizielles, Kunstfertiges. Umso beeindruckender, dass dann die einzelne Figur sehr logisch ihrem natürlichen Weg folgt, selbst wenn dieser Weg in der Realität des durchschnittlichen Lebens nicht gangbar erscheint, sondern nur denkbar und zu träumen. Die Schwellen von Bewusstsein zu Unterbewusstsein und Unbewusstem sind in vielen Perutz-Romanen niedrig, manchmal kaum auszumachen, so schreibt der Literaturwissenschafter Alexander Peer über den metaphysischen Raum, in den Perutz alle seine Geschichten verortet. Die Leser dürfen mit seinen Figuren den banalen Raum des Faktischen verlassen und sich im Kosmos (zwischen Schicksal und Zufall) verortet fühlen und die engen Grenzen des kleinen Selbst zu verlassen - und sei es auch nur für eine kurze Weile.
Über den historischen Roman “Nachts unter der steinernen Brücke” schreibt Peer: Nicht was passieren wird, stellt einen Impetus dar, sondern wie das, was uns unglaublich oder nicht nachvollziehbar erscheint, zur Wirklichkeit werden kann, bildet die Triebfeder des Lesens. So ist eine Geschichte, in der man sich seinen Platz selbst suchen kann, auch immer eine Öffnung des Horizonts. Was wäre doch alles möglich!
Für Vorträge und Eins-zu-Eins Wissensvermittlung taugt Oper nicht. Sie ist ebenso vielschichtig wie Geschichtenerzählen und überzeugt vor allem durch ihre überfordernde Komplexität. Nicht alles in einer Oper kann direkt und eindeutig verstanden werden, die Konstruktionen der Musik erscheint dem Hörer als Emotion, der Text löst sich in der Stimme und aus Wort wird Figur. Dieser überfordernde und rauschhafte Overkill ähnelt der Dreidimensionalität des Erzählens, die widerum dem Leben ähnelt, das man auch nicht im Moment erfassen kann, sondern erst im Nachdenken.
Der Schwedische Reiter verhandelt Schicksal und Bestimmung in der Hierachie des Geldes und der unverhüllten Macht des Krieges. Der Identitätstausch der beiden gegensätzlichen Figuren offenbart die Mechanik der Gesellschaft, die von Gegensätzen angetrieben wird: Armut und Reichtum, Macht und Ohnmacht. Wie sich die Protagonisten zwischen diesen Antipoden behaupten, wie sie darin untergehen, das ist heute so interessant wie in der Zwischenkriegszeit, als Leo Perutz den Roman schrieb und wie in 18. Jahrhundert, in dem die Geschichte spielt.








