Die Musik von Wolfram Wagner

Die Musik des österreichischen Komponisten Wolfram Wagner bildet eine Brücke zwischen Tradition und Moderne, bei der formale Strenge und eine hohe emotionale Expressivität Hand in Hand gehen. Seine Klangsprache zeichnet sich durch eine große stilistische Vielfalt aus: sie vereint komplexe metrische Konstruktionen und traditionelle Satztechniken mit intimen, impressionistischen Momenten, kraftvollen Rhythmen und jazzigen Anklängen. Als ausgebildeter Instrumentalist schreibt Wagner praxisbezogen und virtuos, wodurch er die klanglichen Möglichkeiten der Besetzungen optimal ausschöpft. Trotz ihrer zeitgenössischen Komplexität bewahrt seine Musik stets unmittelbare Verständlichkeit.

Liebe und Hass, Freundschaft und Feindschaft, Krieg, Verfolgung und Sehnsucht nach Geborgenheit, Schicksal, Leben und Tod in 21 zum Teil sehr unterschiedlichen Szenen, das alles unter einen Hut zu bringen, musikalische Bilder dafür zu finden und zudem in einen großen symphonischen Bogen einzuspannen, das war die Herausforderung bei der Vertonung dieses wunderbaren Librettos.

Einige Aspekte, wie ich dem begegnet bin: Zum Einen die Schaffung weiträumig angelegter Formeinheiten; so endet zum Beispiel jeder der drei Akte mit einer ausgedehnten Passacaglia.

Zum anderen die psychologische Durchleuchtung der Figuren unter zum Teil sehr variabel gestalteter Verwendung von Leitmotiven, die allerdings nicht nur an Personen, sondern auch an Situationen gekoppelt sind. So taucht während der ganzen Oper immer wieder ein mehrschichtig in sich verzahntes, polymetrisch bewegtes musikalisches Gebilde auf, das den unerbittlichen Motor des Schicksals akustisch darstellt.

Auch Instrumentationstechnisches spielt eine Rolle: Bestimmte Instrumente oder Instrumentengruppen sind bestimmten Personen oder Situationen zugeordnet. Besondere Bedeutung erhält diesbezüglich die Solovioline, die Glocken (Schicksalsglocke) und eine Windmaschine. Der Wind steht in seinem unbeeinflussbaren Wehen für das unentrinnbare Schicksal. Die Oper beginnt aus der Stille mit dem Geräusch des Windes, und genauso endet sie auch.

Wolfram Wagner
 

In Interviews wie dem Gespräch im terz magazin anlässlich der Uraufführung der Oper Türkenkind berichten Librettistin Kristine Tornquist und Komponist Wolfram Wagner von ihrer Zusammenarbeit als einem organischen und aufeinander bezogenen Arbeitsprozess. Basierend auf einer wahren historischen Begebenheit erzählt die Oper von einem osmanischen Mädchen, das während der Türkenkriege nach Wien verschleppt, zwangsgetauft und später zur Vertrauten Maria Theresias wird. Tornquist und Wagner machten daraus ein explizit politisches Statement gegen die in den Jahrzehnten vor der Uraufführung geschürten Ressorts und negativen Stereotype gegenüber dem arabisch-orientalischen Raum. Das Stück handelt von Identitätsverlust, religiöser Vereinnahmung und historischer Schuld.

Die Oper Der schwedische Reiter birgt ähnlich ethischen Zündstoff. Sie handelt von einem Identitätstausch zwischen einem Dieb und einem Deserteur in der Zeit des Grossen Nordischen Krieges, der gesellschaftlichen Krise. Hier werfen Tornquist und Wagner Fragen nach Schuld, Sühne und sozialer Gerechtigkeit auf – und wieviel Betrug das System verträgt, wenn das nackte Überleben auf dem Spiel steht.

Tornquist bezeichnet sich selbst als extrem fokussiert auf das Wesentliche beim Schreiben. Sie verdichtet ihre Texte, um der Musik Raum zu geben. Das trifft auf Wagners kompositorische Vorliebe für formale Klarheit und transparente, schlanke Strukturen. Beide lehnen die Vorstellung ab, dass Neue Musik unverständlich sein muss. Ihr Ziel ist packendes, musikalisches Erzähltheater, das den Zuschauer emotional berührt und intellektuell fordert, ohne ihn zu verschrecken.

Libretto | Partitur
 

Personen:
* Maria Agneta von Krechwitz auf Kleinroop: lyrischer Sopran
* Der Dieb: Bariton

Wechselrollen:
* Christine, siebenjähriges Kind, Tochter von Maria Agneta und Dieb = Magd: Sopran
* Rote Lies, Räuberin = der junge Uechtritz: dramatischer Mezzosopran
* Christian von Tornefeld, Edelmann = Dragoner 2. Akt (stumm): Tenor
* Toter Müller = Freiherr von Saltzau auf Düsterloh und Pencke = Dragoner 2. Akt (stumm): Charaktertenor
* Feuerbaum, Räuber = Freiherr von Tschirnhaus = Knecht = 1. Dragoner 1. Akt = Minenarbeiter: Tenor
* Brabanter, Räuber = Freiherr von Bibran = Knecht = Dragoner 1. Akt (stumm) = Minenarbeiter: Bariton
* Rentmeister auf Kleinroop = Schwarzer Ibitz, Räuberhauptmann = Graf = Minenarbeiter = Wachmann: Bassbariton
* Wendehals, Räuber = 2. Dragoner 1. Akt: Bassbariton
* Hans Georg v. Lilgenau, Malefizbaron, Dragonerhauptmann m. Augenklappe = Wirt = Knecht = Minenarbeiter: Bass
* stumme Statisten: Dragoner, Kutscher, Knechte, Arbeiter, Feldscher

Orchesterbesetzung:
2 Flöten (2. auch Piccolo), 1 Oboe, 2 Klarinetten (2. auch Bassklarinette), 1 Fagott.
2 Trompeten., 1 Horn., 2 Posaunen (2. = Bassposaune)
1 Pauken (grosse Pauke und kleine Pauke) + 1 Schlagwerker (grosse Trommel, kleine Trommel mit Schnarrsaite, 2 Hängetom-toms, Hängebecken, Hi-hat, Tempelblocks, Triangel, Röhrenglocken, Windmaschine)
Streicher (chorisch): 1. Violinen, 2. Violinen, Bratschen, Violoncelli, Kontrabass (mind. 5-4-3-2-1)