Der schwedische Reiter
Leo Perutz (eigentlich Leopold Perutz; 1882 Prag, Österreich-Ungarn - 1957 in Bad Ischl) war vor dem Faschismus ein sehr erfolgreicher deutschsprachiger Schriftsteller. Im bürgerlichen Beruf war er Versicherungsmathematiker. Nach dem Exil kehrte er zwar nach Österreich zurück, konnte als Jude jedoch in der Nachkriegsgesellschaft nicht mehr an seine Erfolge anschliessen.
Seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 war Perutz als jüdischer Autor in Deutschland mit einem faktischen Publikationsverbot belegt. Seine Haupteinnahmequelle brach mit dem deutschen Markt weg. Der schwedische Reiter musste daher 1936 im Zsolnay-Verlag in Wien erscheinen – in einem Österreich, das durch den Austrofaschismus selbst politisch extrem instabil war und in dem der Druck der Nationalsozialisten von aussen stündlich wuchs. Das Buch ist das letzte große Werk, das Perutz vor seiner Vertreibung fertigstellen und in Europa veröffentlichen konnte. Nur zwei Jahre später, 1938, zwang ihn der „Anschluss“ Österreichs zur Flucht nach Tel Aviv.
Der schwedische Reiter ist in seiner komplexen Form und seiner verzahnten Erzählweise typisch für Perutz, der sich als Meister des Magischen Realismus erweist, in dem er als unzuverlässiger Autor reale, historische Fakten neu zusammenmischt.
Um 1701 treffen ein Dieb – nur als Hahnenschnapper bekannt – und der desertierte schwedische Offizier Christian von Tornefeld in einer Scheune aufeinander. Sie schliessen sich zusammen, um den Dragonern zu entkommen, die das Land nach Gesetzlosen durchkämmen. Tornefeld schickt den Dieb zu seinem reichen Paten, um Hilfe zu holen. Doch der Pate ist tot; nur dessen Tochter Maria Agneta lebt noch auf dem verarmten Gutshof. Der Dieb verliebt sich in sie und beschliesst, Tornefelds Identität anzunehmen. Er überzeugt den ängstlichen Tornefeld, mit ihm die Rollen zu tauschen. Um als reicher Mann zu Maria Agneta zurückzukehren, zieht der Dieb als Räuberhauptmann durch das Land, raubt Kirchen aus und wird ein vermeintlich reicher Edelmann. Maria Agneta heiratet ihn im Glauben, er sei Christian von Tornefeld. Tornefeld selbst verdingt sich jedoch in der Waffenschmiede des Bischofs.
Der Dieb führt ein erfülltes Leben als Gutsherr, Ehemann und Vater, da holt die Vergangenheit ihn ein: die Dragoner und sein früheres Räuberleben bedrohen die mühsam aufgebaute Existenz. Gleichzeitig kehrt der echte Tornefeld zurück. Die Schicksalsfäden der beiden Männer verknüpfen sich erneut. Schliesslich zwingt das Schicksal den Dieb, für seine Täuschung und seine Verbrechen zu büssen. Was ihm einst Glück und Rettung war , führt nun zu seinem Untergang.
Perutz inszeniert das menschliche Leben als Räderwerk, aus dem es kein Entrinnen gibt. Obwohl der Dieb ein moralisch „besserer“ Mensch und treuerer Ehemann wird als der echte, egoistische Adelige, holt ihn das Schicksal unbarmherzig ein. Der Roman verhandelt eine „krude Moral“, in der irdisches Glück oft auf Täuschung beruht und Schuld unausweichlich bleibt. Die Geschichte endet als moralisches, beinahe märchenhaftes Gleichnis über Schuld, Identität und göttliche Gerechtigkeit.









