Oper in Wien - 06.01.2013, Dominik Troger

Ausdauernde Koalitionsgespräche


Beim sirene Operntheater wurde das alte Jahr mit dem neuen „kunstgerecht“ verbunden: Mit einer Uraufführung am Silvestertag „rutschte“ man in den Jahreswechsel und spielt die Kammeroper „MarieLuise“ noch bis 9. Jänner im „Palais Kabelwerk.“
„MarieLuise“ behandelt das Schicksal von „siamesischen Zwillingen“ in 17 Szenen. Das Libretto stammt von Kristine Tornquist, die Musik von Gernot Schedlberger. In einer parabelartigen Versuchsanordnung zieht das Leben der beiden Schwestern am Publikum vorüber: siamesische Zwillinge, die in die Politik gehen, um die Welt zu verbessern, und die dabei scheitern. Das Geschehen schaukelt sich auf bis zur operativen Trennung der zusammengewachsenen Körper.
Gerahmt wird die Szenenfolge von einem Vortrag des Mathematikprofessors Dr. Z., der einleitende Worte spricht, Szenen erzählend überblendet und ein Schlusswort bereit hält. Dieser Kunstgriff ist nicht nur dramaturgischer Natur, sondern sorgt für eine gewisse kritische Distanz zur Handlung. Außerdem bekommt das Publikum vom Herrn Professor am Schluss des Abends noch eine Denksportaufgabe gestellt, mit der es sich auf dem Heimweg vom mehr nach „Beton“ als nach „Palais“ aussehenden Veranstaltungsort die Zeit vertreiben kann: „Wohin ist die Eins verschwunden, von der eine Hälfte abgezogen wird?“
Derart „abstrahiert“ hätte sich das Leben dieser siamesischen Zwillinge wohl kaum für ein Theaterstück und schon gar nicht für eine Oper geeignet. Die ungelöste „mathematische Gleichung“ korreliert jedoch mit dem aufbrechenden Spannungsfeld zwischen Marie und Luise als Individuen, die sich zunehmend gegenseitig in ihrer individuellen Freiheit behindern und ihr „messianisches Wir-Gefühl“, das ihr Leben am Beginn der Oper bestimmt, unterminiert. Denn sie sinken am Beginn der Oper laut Szenenanweisung wie „fallende Engel“ auf die Erde nieder, träumen vom „Wir“ eines „tausendköpfigen Menschenriffs“ und beschließen als Politikerinnen, den Menschen dieses „Paradies“ nahe zu bringen. Die Politik nützt die beiden aus, als Sensation, als Aufputz für das Sozialressort (!). Bald gehen Marie und Luise politisch getrennte Wege. Als die Parteien, denen sie sich verpflichtet fühlen – Luise den Gelben, Marie den Violetten – eine Koalition bilden, werden sie zum medienwirksamen Symbol dieser politischen Koexistenz.
Doch bald stehen Neuwahlen an und das Symbol hat ausgedient. Eine Liebesgeschichte verschärft den Konflikt. Der Weg der Individualisierung wird schließlich konsequent bis zur körperlichen Trennung fortgesetzt, zusätzlich geschürt von Ärzten, die eine medizinische Sensation wittern und dabei der medialen und persönlichen Geltungssucht der Politiker um nichts nachstehen. Die folgende Trennungsoperation bringt Marie den Tod, Luise überlebt nur, um sich in tiefster Einsamkeit nach Marie zu sehnen. In der letzten Szene entschwebt sie, aber wohin?
Abzüglich der etwas „hintergründigen“ Metaphysik, die den Beginn und den Schluss kennzeichnet, handelt es sich um eine stringent erzählte Geschichte, die in ihrer Zuspitzung bis zur satirischen Gesellschaftskritik einen lehrstückhaften Charakter annimmt und sogar ein bisschen „Brecht-Weil‘schisch“ wird, wenn man das so verknappend schreiben darf. Neben dieser „Satire“ auf heutige Zustände wird aber die Schilderung der Beziehung von Marie zu Luise und von Luise zu Marie nicht ausgespart – und diese – im übertragenen Sinn durchaus als „Liebesgeschichte“ zu begreifende Figurenkonstellation und ihr Leiden an der Welt und im Miteinander, geht über den Aspekt des Lehrstücks schon deutlich hinaus. Hier gewinnt der Stoff Dimensionen, die für eine „große Oper“ gereicht hätten, durchaus in einem modernen, aber auch in einem traditionellen Sinne. Ein Beispiel dafür wäre Friedrich Cerhas „Der Riese vom Steinfeld“ auf ein Libretto von Peter Turrini, 2002 an der Wiener Staatsoper uraufgeführt. Eine Oper, die das Schicksal eines „abnormal“ großen Menschen im 19. Jahrhundert aufgreift, der von Schaustellern ausgebeutet wird. „MarieLuise“ ist ihrer Thematik nach sozusagen eine Variation davon – wobei im 21. Jahrhundert die Politik und die Medien die „Zur-Schau-Stellung“ übernehmen.
Komponist Gernot Schedlberger hat das Libretto recht geradlinig und „traditionell“ verkomponiert. Es gibt Arien, Ensembles, Zwischenspiele. Bei der Charakterisierung der siamesischen Zwillinge hat er statt dem „Wir“ mehr auf den Zwiespalt der Zwillinge gesetzt. Bei ihm ist das „große Wir“ der beiden von Anfang an durch den zukünftigen Konflikt bestimmt. „Der gemeinsame Herzschlag war eigentlich mein ursprünglicher Zugang zur Eröffnungsmusik – dass die siamesische Ausgangssituation keine harmonische bleiben wird, liegt in der Anlage der Charaktere und sollte sich in meiner Vorstellung von Beginn an abzeichnen (...)“, so der Komponist in einem Interview, das im ausführlichen Programmheft (inklusive Libretto!) abgedruckt ist. Daraus folgt in Konsequenz, dass die musikalisch ausformulierte emotionale Ebene der Zwillinge vor allem aus Zwist zu bestehen scheint, eifrig von (Bass-)Klarinetten geschürt, die der Komponist MarieLuise zugedacht hat und deren Dominanz kaum Ruhepunkte zulässt.
Die dahinsprudelnde, auch groteske Art dieser Musik gibt einigen Ensembles starke Konturen und einen gewisse „Süffigkeit“, etwa wenn auf der Bühne Wahlkampf herrscht und – witzig von Kristine Tornquist umgesetzt, die auch Regie führte – die Politiker jeweils die Wahlwerbeballons des politischen Gegners zerplatzen. Die Dialoge zwischen Marie und Luise in den ersten Szenen werden dadurch für meinen Geschmack musikalisch aber zu stark kontrastiert, weil die Musik hier sozusagen einen späteren Zeitpunkt ihrer Beziehung vorwegnimmt. Im Finale mischen sich dann drei (wenn ich richtig gezählt habe) Gongschläge hinein, nicht gleich hintereinander, sondern mit Respektabstand – und erst hier stößt der Streit musikalisch auf eine Art „höhere“, schlichtende Instanz oder eine Art von „Memento mori“, vor dem der alltägliche Hader deutlich verblasst. Und vielleicht macht sich Luise ja wie Orpheus auf, um Marie der Unterwelt zu entreißen?
Das mit 12 Musikern besetzte Orchester verfügte über vier Streicher (2xViola, 1xCello, 1xKontrabass), ein Akkordeon, ohne dem man heutzutage offenbar nicht mehr auskommt, sowie Flöte, Horn und Trompete – was den Bläsern insgesamt ein Übergewicht verlieh. Dazu kamen noch Schlagwerk und Klavier/Celesta. Der stark rhythmisch geprägte „Sound“, der sich daraus entwickelte, hatte den flüchtigen Zug intensiver und ein wenig schnatternd geführter politischer Diskussionen, zuerst anregend, im Fortlauf des Abends aber mehr einförmig und ein bisschen ermüdend, wobei ein Hauch von Jazz in den Bläsern und von Berg’schen Reminiszenzen in den zurückhaltenden Streichern so etwas wie ein zartes „stilistisches Häubchen“ darüberstülpte. Der Text wurde zwar dankenswerter Weise während der Vorstellung eingeblendet, Schedlberger hat aber textnahe komponiert und dem Ensemble keine gesanglichen Exaltismen zugemutet. Durch die Hinzunahme eines Countertenors wurden die Singstimmen ein bisschen aufgemischt. Oft herrschte ein mehr rezitativischer Charakter vor.
Die szenische Lösung für den kleinen, mit rund 160 Plätzen ausstaffierten Saal, war perfekt. Die Bühne bestand aus einer großen alten Schultafel, deren Elemente man verschieben konnte, und die über und über mit in weißer Kreide geschriebenen mathematischen Formeln bedeckt war. Man befand sich praktisch im Hörsaal von Dr. Z. Verschieden große Fenster, die in der „Bühnentafel“ aufgingen und sich wieder schlossen, waren die bevorzugten Spielorte für Marie und Luise. Es war verblüffend, wie vielfältig diese einfache Bühnenkonstruktion genützt wurde, angereichert um eine gute Personenführung und um mit einfachen Requisiten pointiert erzeugte visuelle Effekte, die auch einer gewissen Plakativität nicht abgeneigt waren: ein Hirschgeweih für Prof. Hirsch, Bockshörner für Dr. Bock, die beiden Politiker waren dadurch schon optisch als „herausragend“ gekennzeichnet. Professor Dr. Z. war die ganze Zeit anwesend, sprach, saß, oder schlurfte in leicht gebückter Haltung und in einen weißen Arbeitsmantel gehüllt durch den Saal.
Im Mittelpunkt standen natürlich die in rosa Gewänder gekleideten „siamesischen Mezzos“ Iwona Sakowicz (Marie) und Salina Aleksandrova (Luise). Sie vermittelten überzeugend den Weg von ihrem naiv-schüchternen Neopolitikerinnen-Dasein bis zum bitteren Erwachen eines beziehungsschmerzgequälten Individualismus. Um sie scharte sich ein engagiertes, in den teils parodistisch ausgeformten Rollen auch komödiantisch versiertes Ensemble. Gernot Schedlberger leitete selbst „Das Rote Ochester“ mit den „marathonfähigen“ Klarinettisten. Am Schluss spendete das Publikum im nicht ganz ausverkauften Saal reichlich Applaus.
Besprochen wurde die Aufführung am 5. Jänner. Weitere Aufführungen noch am 8 und am 9. Jänner jeweils um 20 Uhr. Es gibt ein Rahmenprogramm mit Ausstellung und jeweils einer Lesung um 19 Uhr.

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