Der Neue Merker, 05.11.2015, Udo Pacolt

Hospital-Trilogie des sirene Operntheaters: Teil I: Hybris von Šimon Vosecek (Vorstellung: 5.11.2016)


Das „sirene“-Operntheater, Ende der neunziger Jahre gegründet, wartet immer wieder mit höchst interessanten Opernproduktionen auf – so auch heuer mit einer Hospital-Trilogie, deren erster Teil vor wenigen Tagen in der Wiener Kammeroper zur Aufführung kam: „Hybris“ von Šimon Vosecek.
Im Vorwort des Programmhefts wendet sich Kulturminister Mag. Drozda an die Freunde des zeitgenössischen Musiktheaters, wobei er auch auf die Gründung des „sirene“-Operntheaters einging: „Die Gründer des Ensembles sirene-Operntheater, Kristine Tornquist und Jury Everhartz, bekennen sich in ihrer künstlerischen Arbeit seit Gründung der Gruppe im Jahr 1998 zur zwillinghaften Symbiose von Text und Musik, Regie und Produktion. Zum einen werden klassische Stoffe und Mythen aufgegriffen und in aktuellen Vertonungen auf ihre Aussagekraft in der Gegenwart hinterfragt, zum anderen werden brisante Themen unserer Zeit mit den Mitteln der szenischen Kunst provokant und unverblümt in den Raum gesetzt. Die Trilogie Hospital führt uns an einen Ort, von dem wir uns gerne fernhalten: das Spital.“
Die Handlung von „Hybris“, des ersten Teils der Trilogie, deren Libretto Kristine Tornquist schrieb, in Kurzfassung: Der Oberarzt transplantiert dem steinalten reichen Bauunternehmer Amos eine halbe Leber des moldawischen Lebendspenders Soma, der mit diesem illegalen Handel die lebensrettende Operation für seine Tochter bezahlen will. Der Oberarzt legt Wert darauf, dass sich die beiden Patienten als Verwandte ausgeben, denn nur so kann diese Transplantation legal erscheinen. Die Operation verläuft jedoch für beide nicht erwartungsgemäß, eine Anwältin schaltet sich ein und es wird nach einer weiteren Organspende gesucht. Der Oberarzt organisiert für den reichen Patienten eine chinesische Leber mit passenden Werten, doch sie kommt zu spät. Der alte Herr stirbt und Soma wird als Schwerkranker ins Flugzeug nach Moldawien gesetzt. Ein anderer Patient mit vernarbter Leber und starken Schmerzen wird als Simulant mit Placebos entlassen.
Kristine Tornquist führte auch Regie und gestaltete zudem das Bühnenbild. Es gelang ihr eine packende Inszenierung mit vielen Ideen, wie beispielsweise die kreative „Bühnenlösung“ für die Telefongespräche und für die Operationsszenen. Ebenfalls gelungen ihre Personenführung. Die Kostüme schuf Markus Kuscher, für Licht und Technik zeichnete Edgar Aichinger verantwortlich.   
Šimon Vosecek, 1978 in Prag geboren, nahm schon in früher Jugend Klavier- und Orgelunterricht und studierte nach der Matura am Prager Konservatorium Komposition.  2002 zog er nach Wien, um die Kompositionsstudien an der Universität für Musik und darstellende Kunst fortzusetzen. Er war an der Durchführung verschiedener musikalischer Projekte beteiligt, wobei es zu Aufführungen in Tschechien, Österreich, Mexiko, in der Slowakei und in den USA kam. Im Jahr 2013 führte die Neue Oper Wien im Semperdepot seine Oper „Biedermann und die Brandstifter“ auf, deren Libretto der Komponist nach dem Bühnenstück von Max Frisch selbst verfasste.
Seine Musik für „Hybris“ hatte illustrativen Charakter und brachte das Sängerensemble beim Sprechgesang der Oper nie in Bedrängnis. Als Oberarzt Dr. Kross überzeugte der lyrische Tenor Markus Miesenberger sowohl stimmlich wie darstellerisch. Mit starker Bühnenpräsenz und präziser Wortdeutlichkeit glänzte der Bassbariton Rupert Bergmann als Primararzt Prof. Jessing. Überzeugend auch der Bariton Georg Klimbacher in der Rolle des Turnusarztes Dr. Klein, der es stets wagte, Probleme im Spital aufzuzeigen, ohne etwas ändern zu können. Die kleinere Rolle des Pflegers spielte der Bariton Johann Leutgeb, dessen Stimme auch über ein Tonband zu hören war.
Adrett die aus Bosnien stammende Mezzosopranistin Maida Karišik als Oberschwester Angelika, die in den Oberarzt verliebt ist und dies auf reizvolle Weise darzustellen versteht. In zwei Rollen war die polnische Sopranistin Ewelina Jurga im Einsatz. Sie stellte ihre schauspielerischen Qualitäten als pakistanische Krankenschwester ebenso unter Beweis wie als Anwältin Dr. Hattenschwipp.
Nicht zu vergessen die Darsteller der Patienten: der amerikanische Bassbariton John Sweeney als Leberpatient Amos und der Tenor Richard Klein als moldawischer Leber-Spender Soma, die ihre Rollen logischerweise nur liegend spielen konnten, während Theodor Prommer, der Patient mit unklarem Leberleiden – vom Tenor Bernd Lambauer exzellent dargestellt –  schließlich als Simulant aus dem Spital entlassen wurde.
Das 12köpfige Orchester des „sirene“-Operntheaters wurde vom französischen Dirigenten François-Pierre Descamps, der am Schluss alle Musiker auf die Bühne bat, mit großem Einfühlungsvermögen geleitet.
Das Publikum in der gut besuchten Kammeroper belohnte am Schluss der eineinhalbstündigen Vorstellung alle Mitwirkenden mit lang anhaltendem Beifall.

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