Der Neue Merker - 05. November 2011, Renate Wagner

WIEN / Kammeroper: VOGEL HERZOG IDIOT. Drei Mini-Mono-Opern für Bassbariton und Kammerensemble. Eine Produktion des Theaters an der Wien

Der ganze Abend dauert genau eine Stunde, aber nach dieser ist man als Zuschauer hoch zufrieden. Hier hat schlicht und einfach ein überzeugendes Konzept gegriffen, und dass das Theater an der Wien als Auftraggeber und Uraufführungs-Produzent von seinem Pausenraum im Souterrain, „Hölle“ genannt, in die von allerlei Schicksalsschlägen gebeutelte Kammeroper übersiedelt ist, erwies sich als Glücksfall: Es schien der ideale Raum für die drei Mini-Mono-Opern, die hier nach der Idee des Bassbaritons Rupert Bergmann das Licht der Bühne erblickten. Und selbst wenn es ihm nur, ganz künstler-egoistisch, um drei wirkungsvolle Rollen ging, herausgekommen ist ein feiner, runder, lustiger Abend, der heutiges Musiktheater leicht macht (wenn dergleichen denn sein darf…!) und schön mit den Möglichkeiten des Genres spielt.
Denn die Grundlage für die drei Werke, die Bergmann mit Hilfe von Jury Everhartz als ausführendem Dramaturgen zusammen gebunden hat, beziehen sich auf drei große Stücke der Opernliteratur – auf den Boris, den Herzog Blaubart und den Papageno (um nicht zu sagen die „Zauberflöte“). Dreimal ist ein Protagonist hier, um sich in irgendeinem Stadium seines Seins in diese Rolle zu verwandeln – im Gewand des Boris tritt er auf (bevor er es sich zweifelnd vom Leibe reißt), im Gewand des Papageno, das er sich aus Lumpen überzeugend zusammengeflickt hat, tritt er ab, und dazwischen ist er als Blaubart aus dem Nichts vor seiner Geburt aus einem riesigen Pappmaché-Kopf gekrochen, was vielleicht den geringsten Zusammenhang mit dem Original hergestellt hat.
Drei Komponisten, davon zwei Damen: Die Ukrainerin Karmella Tsepkolenko lässt „Heute Abend Boris Godunow“ zwar heutig, aber fraglos angenehm klingen, während der Ungar Samu Gryllus seinen „Blaubarts“ (man beachte den interessanten Genetiv) schon ein wenig weiter treibt, eine Musik, die Geräusche und Sprachkürzel (die von den nur fünf Kammerorchestermitgliedern beigesteuert werden) mixt. Schließlich hat die Vorarlbergerin Johanna Doderer den „Papagenono. Eine Ausflucht“ mit zwar eindrucksvollen, aber möglicherweise zu kraftvollen Klängen unterlegt, denn hier liegt ein Dialekt-Text von Franzobel zugrunde, der, so weit man ihn versteht, recht witzig ist, aber man versteht eben nicht genug. Auch nicht immer alles von dem, was Zoltán András Bán zum „Blaubarts“ gedichtet hat, während der Text zu „Boris“ von Kristine Tornquist, teils auch gesprochen, am nachdrücklichsten herüberkommt.
Kristine Tornquist, Gattin des Dramaturgen, ist auch die Regisseurin des Abends, mit minimalistischen Mitteln unterwegs: Die Bühne – Roman Spiess -  bekommt einen Schminktisch, das mittlere Stück einen riesigen Pappmachè-Kopf, bei dem der Protagonist nach und nach aus allen möglichen Öffnungen hervorschaut, bevor er ihn zersprengt, und am Ende ist ein Putzmann mit Wagen unterwegs und sammelt den im Zuschauerraum verstreuten Müll auf, bevor er sich aus Fetzen überzeugend in Papageno verwandelt: Das hat der Kostümbildner Markus Kuscher gut gemacht, und wenn man sich nicht irrt (man kann sich irren), dann steckt er in dem riesigen Braunbären, der als „Pausenclown“ zwischen den drei Stücken herumirrt, von denen jedes ziemlich genau 20 Minuten dauert.
Rupert Bergmann hat sich den Abend erdacht, er gehört ihm mit seinem wirklich prächtigen Bassbariton-Material und seiner exzessiven Spielfreude zwischen Ironie und Tragik, Komödiantik und Tiefgründigkeit. Die russisch-israelische Dirigentin Anna Sushon holte aus ihren nur fünf Musikern (besonders gefordert: Franz Hofferer an Schlagzeug aller Art) weit mehr heraus, als man von dieser kleinen Handvoll Leutchen erwartet hätte, wie der Abend überhaupt mehr ist als die Summe der Teile. Oft sind des die Randereignisse der großen Institutionen, die besondere Farbtupfer setzen.

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