Auch Fiktion ist Diskurs, aber für Fortgeschrittene

Das Kinderspiel der Entmystifizierung ist vorbei. Wir sehnen uns nach erwachsener Menschen Achtung und Ernst. (Soviel zur Kunst im allgemeinen.) Auf der Bühne ziehe ich sowieso die Fiktion dem Diskurs vor - die ungebrochene, wirksame, magische Fiktion. Möge der Diskurs in den Unterhaltungen, Diskussionen und Büchern bleiben. Die Fiktion ist eine eigene Sprache, sie spricht in Bildern, ihre Bilder sind gewichtig und eindeutig, sie bezieht Stellung und riskiert Stellung. Die Bilder fallen mit ihrem Gewicht tiefer in die Seele, nicht obenhin in die Küchenschubladen der Wissens- und Lebensrezepte.
Wir alle haben gelernt, das Theater zu durchschauen und blosszustellen als einen Schwindel – die Figuren sind doch nur Schauspieler, es zieht doch nur ein Regisseur an dessen Fäden und an deinen Gefühlen, und ein Autor wie du und ich hat diese Welt bloss erfunden. Wir wissen längst. Doch nun können wir all das wieder beiseite räumen wie Spielzeug, wenn man erwachsen wird, und uns der Fiktion als einem kostbaren Übung des Geistes hingeben.
In der verzaubert werden kann, die noch eine Seele offenhält, die Bilder aufzunehmen in den grossen Tiefenspeicher der Kultur.
Ein wesentliches Motiv des Künstlers ist die Empörung und das Entsetzen über diese Welt und ihre grausame Unwirtlichkeit für das Bewusstsein. Die Welt ist für die Körper gemacht, ihre Grausamkeit ist an den unbewussten Körpern nicht grausam, sondern nur ein Vorgang chemsicher Umwälzung der Stoffe. Doch der Geist muss sich gegen diese Zumutungen wappnen. Die Kunst wie die Religion haben das immer mittels Fiktion getan. Die Erfindung anderer Welten – ob nun Utopie wie das Reich Gottes oder Flugreise des Ich in ein anderes Leben wie das von Bartleby, von Hiob oder Macbeth.
Es sind die Quellen für die Diskurse, meinetwegen, aber ohne diese Quellen werden die Diskurse auf die traurige Körperrealität der Talkshows herabstinken. Die Fiktion speist die Kultur. Die Fiktion ist nicht nur ihr Anfang gewesen, sie ist es immer noch. Film ist weitgehend diskursfrei, hier herrscht die Fiktion ungebrochen und niemand will sie entlarven und sich den Zauber brechen damit. Kann es Fiktion nur in einem Medium geben, muss das Theater sich deshalb, weil der Film die Fiktion feiert, davon abwenden? Ist das Theater, das die Fiktion nicht so überwältigend und übergross zeigen kann, der Macht des Films gewichen und sucht sich nun hilflos seine Marktlücke zwischen bildender Kunst und Philosophie?
Dieses Angstmanöver müsste nicht sein, denn die Fiktion ist am Theater anders als im Film rituell magisch. Und der Ritus der Verwandlung des Schauspielers in eine Figur und der Verwandlung des Zusehers in einen Glaubenden ist ein Kraftakt des Geistes, an dem alle teilhaben, die beteiligt sind.

Kristine Tornquist