Die Presse - 23. August 2011, Wilhelm Sinkovicz

Neue Opern in Wien: Drei von 1001 Nächten für elf Novitäten


In der Kulisse der ehemaligen Expedithalle präsentiert „sirene“ von Donnerstag bis Samstag etliche Uraufführungen. Elf Kammeropern paraphrasieren auf unterschiedliche Weise Passagen aus 1001 Nacht.
Zuerst wird einmal geredet. Frei. Erzähler treten auf, die sich aufs Fabulieren verstehen. Themen aus ganz unterschiedlichen Bereichen sollen die modernen Wanderprediger ansprechen und zergliedern. Das wird die Hörer einstimmen auf den Grundgedanken: Scheherazade hat ja auch geredet, geredet und geredet – um ihr Leben, denn wenn dem Sultan langweilig geworden wäre, dann wäre sie einen Kopf kürzer gewesen. Also hat sie Geschichten erzählt und jeweils im spannendsten Moment unterbrochen, um am nächsten Abend fortsetzen zu können.
So entstanden die Märchen aus „Tausendundeiner Nacht“. Die vielen verschiedenen Versionen, die das Abendland von diesem mythischen Fantasiemarathon erreicht haben, spuken in den Köpfen von Dichtern, Malern und Musikern bis heute und prägen die Klischeebilder vom fremden, faszinierenden Morgenland entscheidend mit. Also darf nicht nur geredet werden. Es wird auch geschaut: Fünf bildende Künstler haben die Vorstellungen vom Land Aladins, Sindbads und des Abu Hassan – nebst den Bildern, die wir aus dem realen Nahen Osten heutzutage täglich geliefert bekommen – unter die Lupe genommen.
So werden Kunstwerke von Burkert/Tornquist, Miki Eleta, Peter Fritzenwallner, David Moises, PRINZGAU/podgorschek und Lea Titzfür für stimmige Dekors in einer durch und durch mitteleuropäischen Lokation sorgen: Das „sirene“-Operntheater zeigt ab Donnerstag musikalisch-theatralische Fabelstücke in der ehemaligen Expedithalle der Ankerbrotfabrik.
An drei aufeinanderfolgenden Tagen finden elf Uraufführungen statt. Elf Kammeropern paraphrasieren auf höchst unterschiedliche Weise Passagen aus 1001 Nacht, mehr oder weniger freie Assoziationen zu Scheherazades Märchenthemen, komponiert von elf Komponisten aus völlig verschiedenen stilistischen Bereichen, von jungen Talenten aus Wien oder Paris bis zu Altmeistern vom Format eines Kurt Schwertsik oder René Clemencic.
Es ist nicht das erste Mal, dass sich die „sirene“-Künstler an ein so ungewöhnliches, auch ungewöhnlich umfangreiches Projekt wagen. Die Ankerbrotfabrik gab schon vor zwei Jahren den pittoresken Rahmen für Avantgarde-Musiktheater ab. Der Riesenraum galt, als er 1898 errichtet wurde, als größte stützenlose Halle Europas. In diesem Denkmal der Ingenieurskunst des legendären „Wien um 1900“ hängt man diesmal also orientalischen Träumen nach, reflektiert, was von einstigen Visionen geblieben ist, frei nach dem Motto, dass alles das, was sich Neugierige in unseren Breiten über ferne Länder zugeflüstert haben, mehr über ihre eigenen Befindlichkeiten und Sehnsüchte verrät als über die Zustände im real existierenden Osmanenreich.
In einer Szenerie, die Jakob Scheid gestaltet hat, wird Kristine Tornquist wieder Regie führen. Die Grazerin ist Ideengeberin, Librettistin und Spezialistin für Kunstzusammenführung, eine Multifunktionalität, die sich bei den bisherigen „sirene“-Produktionen bereits bestens bewährt hat.
„11 aus 1001 Nacht“ nennt sich das Projekt mit Kammeropern von Akos Banlaky, René Clemencic, François-Pierre Descamps, Jury Everhartz, Lukas Haselböck, Paul Koutnik, Matthias Kranebitter, Kurt Schwertsik, Willi Spuller, Oliver Weber und Robert M Wildling.

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