Oper in Wien - 26. August 2011, Dominik Troger

„Alf laila wa laila“ – Zweiter Abend – „Hoffnung“

Auf das „Schicksal“ folgt die „Hoffnung“: drei Kammeropern und eine Pantomime standen im Mittelpunkt des zweiten Abends von „Alf laila wa laila“. Und als Zuseher begann man sich richtig wohl zu fühlen im „1001-Geschichtenrausch“. Schön, dass noch ein dritter Abend folgt.
Auffrischender Wind nahm an diesem Freitagabend der Hitze die Schwüle – und wenn es am Wochenende abkühlt, dann hat man keine „Ausrede“ mehr, nicht nach Favoriten zu fahren. Zwar können sich Menschen bekanntlich „falsche Hoffnungen“ machen (und in den „Geschichten von 1001 Nacht“ bedeutet das meist, dass jemand durch den Henker seinen Kopf verliert), aber was dieses Festival betrifft, so besteht diesbezüglich keine Gefahr: Der zweite Abend gefiel mir noch besser als der erste.
Außerdem nützte ich in der Pause die Gelegenheit, die kleine Ausstellung zu besuchen, die ebenfalls um das große Thema „1001 Nacht“ kreist. Vor allem ein paar unikate mechanische „Wunderapparate“ (Uhren und Klanginstallationen im weitesten Sinne) erregten die Aufmerksamkeit der Besucher. Man mag daran erkennen wie trotz der zunehmende Virtualisierung und Digitalisierung die offenbare Faktizität eines feinmechanischen Apparates an Faszination nichts verloren hat. Vielleicht hat es damit zu tun, dass sich solch ein Mechanismus immer noch „begreifen“ lässt – auch wenn man ihn nicht „versteht“.
Mit dem Theater in seiner „körperlichen Existenz“ in der Summe von Schauspielerinnen und Schauspielern, Sängerinnen und Sängern, Musikerinnen und Musikern, Kulissen und Publikum hat es eventuell eine ähnliche Bewandtnis. Kommt hier nicht eine Sinnlichkeit ins Spiel, die bestens zu den „1001-Nacht-Geschichten“ passt? Eine Lebensfreude, die ausgelebt werden möchte – auch wenn sich die Hoffnung auf das „große Glück“ nicht erfüllen sollte?
Und Freude am Spiel und an der Darstellung, der kreative Einsatz von Requisiten und Kostüm sowie eine sehr gute Personenführung und Raumaufteilung sind das Markenzeichen dieser Produktion. Werden die Stücke doch in einer großen Halle zum Leben erweckt, die trotz zweier Zuschauertribünen (Platz für rund 200 Besucher), einem Buffetbereich, der Ausstellungszone, der Spielfläche und einer Orchesterplattform an der rückwärtigen Wand (die Sänger wie Eishockeyspieler das Tor „umlaufen“ können), immer noch recht „leer“ wirkt. Sogar die Akustik hat man ganz gut in den Griff bekommen, die Relation Sitzplatz – Sängerstandort scheint allerdings ein wenig kritisch und der Wortverständlichkeit nicht immer förderlich.
Der Frage, wie man einen Menschen auf der Bühne wirkungsvoll köpft, wird in „Alf laila wa laila“ ganz unterschiedlich beantwortet – wobei der Trick mit dem großen Hut nach wie vor mein persönlicher „Favorit“ ist. Die szenischen Highlights des zweiten Abends waren das Boot des Fischers mit Geschaukel und Meeres- inklusive Fischfangillusion sowie Arzt Duban, der sich mit einem prosaischen Einkaufswagerl an der Hand zum Krankenbesuch aufmacht. (Doch es soll hier nicht zu viel verraten werden.)
Die Balance zwischen orientalischem „Setting“, beispielsweise in den eindrucksvollen Kostümen für die Oper „Harun und Dschafar“, und ironischer Distanz, funktioniert meist recht gut und ist dem Spielort angemessen. Es scheint zudem, dass bei der Abfassung der Libretti eine gewisse Tendenz bestand, das Ornamentale in seinen Wucherungen zu beschneiden, wobei aber das Naheverhältnis von schicksalhafter Grausamkeit und einem listigen, oft überraschenden Humor gewahrt blieb. Vielleicht kann man von einer Verschlankung sprechen, die den Stoff mehr in Richtung Aussage zurechtgestutzt und dabei ein wenig „verwestlicht“ hat.
Doch nun zu den Werken, die am zweiten Abend unter dem Generalbegriff „Hoffnung“ präsentiert wurden: „Chalifa und die Affen“ (Kurt Schwertsik), „Yunan und Duban“ (Lukas Haselböck) und „Harun und Dschafar“ (René Clemencic). Dazu kam eine kurze Tanzpantomine „Burka Baazi“ (Akos Banlaky).
Den Beginn machte aber der obligate Vortrag, diesmal von der Ärztin und Menschenrechtsvertreterin Jaleh Lackner-Gohari beigesteuert. Sie warf aus Sicht ihrer persischen Wurzeln einen Blick auf Schahrzad, der mythischen Erzählerin der „Märchen aus 1001 Nacht“ und spannte den Bogen bis in die Gegenwart. Sie deutete die 1001 „verzählten“ Nächte als Psychotherapie.
Die Handlung von „Chalifa und die Affen“ (Musik: Kurt Schwertsik) erschließt sich wahrscheinlich erst, studiert man im instruktiven Programmheft die entsprechenden Anmerkungen. Dass ein Fischer hintereinander zwei sprechende Affen aus dem Wasser zieht, geht in einem Märchen noch durch. Dass er durch den Tausch der Affen (einer der beiden ist „seiner“, der andere gehört einem reichen Juden), auch das Glück des ursprünglichen Besitzers (des reichen Juden) eintauscht, bewegt sich offenbar schon auf einer höheren symbolischen Ebene. Der Jude tauscht mit dem Affen seinen Gott – und der Fischer wird bald den größten Fang seines Lebens machen.
Kurt Schwertsik hat dieses Stück textnahe in Musik gesetzt. Ein feiner impressionistischer Zug ließ elegische Meeresstimmung ahnen. Ariose, von der Violine zart begleitete Stellen erfüllten die Seele des Fischers – ein Werk von „zeitloser“ Tonsprache, mit leicht orientalischem Flair. Die Orchesterbesetzungen waren an diesem zweiten Abend variabler. Die „Grundaufstellung“ des Orchesters am ersten Abend lautete Flöte, Klarinette, Fagott, Schlagwerk, Violine, Viola, Cello, Kontrabass. Bei Schwertsik gab es statt Viola und Flöte, Harfe und Trompete.
Die Tanzpantomime „Burka Baazi“ (Musik: Akos Banlaky) problematisierte mit schwungvollem Sound die Frage nach Verhüllungs- oder Enthüllungsritualen menschlicher Körper anhand der Burka.
„Yunan und Duban“ (Musik: Lukas Haselböck) erzählte die Geschichte eines Arztes, der als Dank für die Heilung des Königs vom Aussatz diesem seinen Kopf lassen muss – und dessen abgeschlagenes Haupt zu sprechen beginnt, um raffiniert Rache zu üben. Haselböck hat die Gesangslinie der Figuren mit einem Einschlag „Alban Berg’scher“ Expressivität versehen. Klarinette, Fagott, Trompete, Harfe, Schlagwerk und ein Kontrabass sorgen für reichhaltige klangliche Möglichkeiten, die vor allem den Charakterzeichnungen der drei Hauptfiguren zu Gute kam.
„Harun und Dschafar“ (Musik: René Clemencic) überraschte mit einer radikalen Instrumentierung: 3 mal Trompete, 2 mal Schlagwerk. Damit verbindet sich für ihn offenbar – folgt man seinen Ausführungen im Programmheft – eine Art Zahlenmystik. Die Geschichte von der Freundschaft zwischen dem Kalifen Harun ar-Raschid und seinem Wesir Dschafar als-Barmaki ist eine von den unerfüllten Hoffnungen. Wegen eines gebrochenen Schwurs (eine Liebesgeschichte natürlich) verliert der Wesir den Kopf. Die Handlung erstreckt sich über Jahre und endet mit dem Tod des Kalifen.
Beim Tode Haruns fand Clemencic trotz der kleinen Besetzung zu „großer Oper“ und komponierte eine eindringliche „Abschiedsmusik“ in der sich der ehemalige Glanz des Herrschertums mit den schickalshaften letzten Worten Haruns verwob: „Der Tod setzt allem ein Ende.“ Die Inszenierung stieß bei diesem Stück ein wenig an die Grenzen ihrer Möglichkeiten, die Zeitsprünge zwischen den eher kurzen Szenen besser zu verdeutlichen.
Der Besuch war nicht so gut wie am Vortag, der Applaus aber fast noch stärker. Der Abend endete um dreiviertel Elf. Das angekündigte Nachtprogramm osmanischer Klassik hat der Schreiber dieser Zeilen nicht mehr abgewartet. Anmerkungen zur Besetzung folgen bei der Besprechung des dritten Teils. Hoffentlich verhindert der Wetterumschwung, der sich beim Schreiben dieser Zeilen gerade bedrohlich zusammenbraut, nicht die Anreise.

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