Der Neue Merker - 01. Jänner 2013, Renate Wagner

Wien / Palais Kabelwerk: MARIELUISE

Der Normalmensch wird sich wohl kaum den Kopf über die Problematik siamesischer Zwillinge zerbrechen. Es gibt glücklicherweise keine Jahrmärkte mehr, wo man dergleichen als schaurige Sensation ausstellt. Passiert es selten genug, dass zwei Kinder zusammengewachsen auf die Welt kommen, so ist wohl jedermann klar, dass bei der Trennung eines zugunsten des anderen sterben muss, denn es sind ja im allgemeinen nicht genügend Organe für beide da. Und den zweiten Torso irgendwie mit Maschinen am Leben zu erhalten, wäre weder sinnvoll noch besonders menschlich angesichts einer vegetativen Existenz.
Aber Künstler dürfen, müssen wohl weiter denken als nüchterne Durchschnittsmenschen. Kristine Tornquist widmete der Problematik also das Libretto zu MarieLuise als Kammeroper in 17 Bildern, und der aus Steyr stammende 36jährige Gernot Schedlberger, international sehr renommiert, hat es vertont.
Die Autorin philosophiert heftig um ihr Thema herum, das sie als Regisseurin vor einer mobilen Wand spielen lässt, die über und über mit mathematischen Formeln bedeckt ist (Bühnenbild: Andrea Költringer). Im weißen Mantel des Wissenschaftlers erscheint Dr. Z, die einzige Sprechrolle des Stücks, als Kommentator. Er führt uns in die Problematik der Zahl 1 ein, die man als kleinstes Ganzes der Mathematik nehmen kann, wobei dann die Addition bis ins berühmte Unendlich möglich ist, oder auch als Endpunkt, wodurch alles unter 1 nur durch Brüche gekennzeichnet werden kann. So weit kommt man mit, auch dass 2 als eins plus eins oder als zwei Halbe des Ganzen über eine eigene Magie verfügen. Wenn aber siamesische Zwillinge zwei und dabei doch eins sind – dann wird es kompliziert. Zu kompliziert für eine Oper, die dann auch Formulierungen findet wie Ihnen fehlt die soziale Kompetenz!
Marie und Luise werden, anfangs in Rosa so verpackt, dass zwei wie ein Mumienbündel erscheinen (Kostüme: Markus Kuscher) vorgeführt – die seltsame Einheit. Dann tritt die Autorin schnell in die Satire ein: Eine solche Abnormität ist natürlich ein Fressen für die gierigen Medien. Sie werden auch von der Politik benützt, wo sie dann schon (hier die Partei der Gelben, dort die Violetten) auseinanderdividiert werden (und sich auch als Figuren trennen, obwohl das ja noch nicht möglich ist). Schließlich kommen die Ärzte und vollziehen unter einem Veitstanz der Diskussionen die operative Trennung.
Erst am Ende, als Luise allein erwacht und sich fragt, ob sie nicht Marie sei, wo Marie ist, wo ihr unabdingbarer anderer Teil sei, begibt sich das seltsame Werk auf eine Ebene des Menschlichen. Hier auch erst wird die Musik von Gernot Schedlberger (als sein eigener Dirigent tätig) wirklich interessant, weil sie sich am tragischen Schicksal der beiden erregt: Bis dahin ist durchaus hörenswert, was ein 12-köpfiges Kammerorchester vollbringt, das nicht nur zwei Bassklarinetten – für die Titelheldinnen – nachdrücklich einsetzt, sondern immer irgendein Instrument solistisch hervorholt. Aber das fungiert eher als Begleitung, als dass es sich zu einer dramatischen Opernmusik aufschwingen würde, die einen inneren Fluss kenntlich machte.
Aber es ist ja auch keine wirklich Oper, die man hier sieht, sondern ein nicht ungeschickt umgesetztes Gedankenexperiment, das etwa eindreiviertel pausenlose Stunden dauert, dabei aber das Interesse nicht durchwegs wach halten kann. Kristine Tornquist inszenierte in der ansprechenden Räumlichkeit des nun so genannten Palais Kabelwerk (das ist nobel geworden, wenn man sich an die alten Räume erinnert!)  durchaus geschickt, die Darsteller reüssieren absolut: Salina Aleksandrova und Iwona Sakowicz als die beiden Teile, um deren Eins- oder Zweisein es geht (wobei die Führung der Singstimmen konventionell modern, also nicht eben wohltönend ist), die anderen in vielen Funktionen – Lisa Rombach für die Frauenrollen, Gerhard Hafner,  Richard Klein, Johann Leutgeb, Günther Strahlegger in den singenden Männerrollen von Politikern bis Ärzten. Klaus Rohrmoser, lange in Innsbruck und nun wieder einmal in Wien, rahmt in der Sprechrolle des dubiosen Wissenschaftlers die Geschichte ein, die von ihrem gedanklichen Ansatz viel zu überfrachtet ist, als dass die Opernform hierfür geeignet wäre.
Am Ende eine Idee, die den Beteiligten wahrscheinlich nicht gefällt, aber sowohl dem Thema wie der Musik gut tun würde: Man mache aus MarieLuise ein Theaterstück und arbeite es verbal noch aus, um die Problematik auf allen Ebenen deutlich zu machen. Und der Komponist könnte seine 100 Minuten auf ihre Höhepunkte abklopfen und daraus eine etwa halbstündige symphonische Suite machen, die im Konzertsaal viel Beifall finden würde. Auf der Bühne ergibt MarieLuise, so wie sie ist, nur eine Seltsamkeit.
Als weitere Seltsamkeit registriert das Programmheft auf Seite 1 den Ehrenschutz von Alexander Van der Bellen (mit Foto), der dabei noch die Frage aufwirft (!), wessen Ehre warum und von wem beim Ehrenschutz geschützt wird… Wenn er dergleichen ohnedies für einen Unsinn hält, warum nimmt er dann an?
Übrigens tut er es in seiner Eigenschaft als der Beauftrage der Stadt Wien für Universität und Forschung: Also erspart er sich die Frage, ob die Grünen dagegen sind, Missgeburten für die Politik zu missbrauchen, oder dafür sind, siamesische Zwillinge zusammengewachsen existieren zu lassen? Oder herrscht da in der Universität Unklarheit zu dieser Frage, dass Van der Bellen irgendetwas schützen müsste…? Wie nett, dass er die Sinnlosigkeit des Ganzen selbst thematisiert – statt einfach nein, danke, lieber kein Ehrenschutz zu sagen.

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