Die Bühne, 11/2016, Karin Maria Frey

Operndramen im Krankenhaus


KRISTINE TORNQUIST. Die Librettistin und Regisseurin bringt mit dem sirene Operntheater die Operntrilogie „Hospital“ auf die Bühne.
Eigentlich ist Kristine Tornquist ausgebildete Goldschmiedin und Bildhauerin. Irgendwann hatte sie jedoch „genug vom Material“, wie sie im Gespräch mit der BÜHNE erzählt. Quasi über Nacht fasste die 1965 in Graz geborene Künstlerin den Entschluss, völlig mit der Bildhauerei aufzuhören und den „immateriellsten Beruf“, den sie sich vorstellen konnte, zu ergreifen, nämlich den der Schriftstellerin. Das Imaginäre übte ohnedies schon immer eine große Faszination auf sie aus. Bereits als Kind liebte sie es, in der Bibliothek ihrer Eltern zu sitzen und sich vorzustellen, was sich wohl hinter den Buchrücken verbergen könnte; und wenn Kristine Tornquist sagt: „In meiner Bibliothek, da flüstert es“, dann wirkt es nicht verwunderlich, sondern macht umso mehr deutlich, dass die Welt der Fiktion und des Geschichten-Erfindens ein zuverlässiger und tröstender Zufluchtsort für sie geblieben ist, wo es „sozusagen Stimmen gibt, auf die sie sich verlassen kann“.
Bei aller Liebe, zurückgezogen kreativ tätig sein zu können, war es Kristine Tornquist aber auch immer ein Bedürfnis, mit anderen Künstlern zusammenzuarbeiten. So gründete sie bereits während ihres Studiums die Kunstgruppe „31. Mai“ sowie darauffolgend das „Theater am Sofa“. Entscheidend sollte vor allem die Begegnung mit dem Komponisten Jury Everhartz werden. Aus dieser künstlerischen Zusammenarbeit entstand nicht nur eine Ehe, sondern auch das sirene Operntheater, das seit seiner Gründung im Jahr 1998 konsequent neue Opern von vorwiegend in Österreich lebenden Komponisten zur Uraufführung bringt; stets mit dem Anspruch, so flexibel und risikofreudig zu produzieren, wie es in den großen Zeiten der Oper üblich war. Dabei sollen im Sinne einer Neodramatik die traditionellen Erzählmuster beibehalten bzw. raffiniert erweitert werden, im Gegensatz zu der von der Avantgarde des 20. Jahrhunderts postulierten Aufhebung narrativer Konventionen. „Ich glaube, das Zeitalter des Brechens und der Moderne ist bald vorbei. Es kommt nicht ganz von ungefähr, dass wir uns Operntheater nennen, weil wir diese klassische Form der Oper eigentlich nicht ad acta legen wollen“, so Kristine Tornquist „Außerdem ist uns eine demokratische Arbeitsteilung wichtig, wo jeder seinen Bereich hat. Im Musiktheater, wie es viele unserer Kollegen machen, ist das oft ineinander übergreifend, oder es gilt zum Teil das Gesetz des Stärkeren. Das wollen wir vermeiden.“
Mittlerweile verfasste Kristine Tornquist 35 Libretti und inszenierte 51 Opern. Waren es anfangs einfache und schnelle Kurzopern, die sogenannten ,Operellen‘, die zur Uraufführung kamen, brachte sie in jüngerer Zeit Serien von thematisch zusammenhängenden Stücken auf die Bühne, wie zum Beispiel Nachts, bestehend aus neun Einzelopern nach Leo Perutz, oder alf laila wa laila mit elf Opern nach Tausendundeine Nacht.
An der Kammeroper folgt im November mit Hospital eine weitere Serie mit Hybris von Šimon Vosecek, Nemesis von Hannes Löschel und Soma von Christof Dienz, in der Christine Tornquist nicht nur Fragen der medizinischen Ethik aufwirft, sondern auch den zynischen wie auch oft absurden Krankenhausalltag mit all seinen unlösbaren Diskrepanzen zwischen in ihrer Existenz erschütterten Patienten und Ärzten, die an ihnen bloß die Arbeit am Körperobjekt sehen, aufzeigt. Auch wenn das Thema Hospital als Opernstoff sperrig wirken mag, bietet es für Kristine Tornquist die perfekte Grundlage für ein spannendes Libretto. „Für mich ist das Krankenhaus ein hochdramatischer Ort. Ich hatte immer das Gefühl, dass es sich zwar so unscheinbar und aufgeräumt gibt, aber in Wirklichkeit spuken dort sämtliche menschlichen Irrationalitäten und Geister herum, und hinter einer Oberfläche der klinisch sauberen Gänge verbirgt sich so viel Dunkelheit voll aufkommender Ängste und Schrecken.“

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