28.09.2018, DER NEUE MERKER 10/2018, Traude Steinhauser

sirene Operntheater im Reaktor: "Jeanne und Gilles"

Seit 2000 besteht das sirene Operntheater, das vom Künstlerehepaar Kristine Tornquist und Jury Everhartz begründet wurde. Insgesamt 51 Opern und Kurzopern aus hauptsächlich österreichischer Feder wurden, initiiert durch die kongeniale Partnerschaft - sie schreibt Libretti, inszeniert und ist als bildende Künstlerin auch für die Ausstattung verantwortlich, er ist spiritus rector des Unternehmens, komponiert und ist als Musiker und Chorleiter gefragt - aus der Taufe gehoben. Diesmal wurde mit "Jeanne und Gilles" ein Werk des französischen Wahlwieners Francois-Pierre Descamps, der unter anderem zwei der besten Wiener Kirchenchöre leitet, nach einem Libretto von Kristine Tornquist aus der Taufe gehoben. Hinter den beiden Namen des Titels verbergen sich Jeanne d'Arc und Gilles de Rais, der die schaurige Vorlage für Ritter Blaubart lieferte. Zunächst galt er als siegreicher Kampfgefährte Jeanne d'Arcs, mutierte aber angeblich später zum Massenmörder und wurde dafür ebenfalls zum Tod verurteilt und hingerichtet. Die Oper behandelt die nicht belegte Liebe zwischen Jeanne und Gilles, an deren Ende durch den Tod der Jungfrau von Orléans Gilles zerbricht: er lebt im Wahn, hört Jeannes Stimme als Schrei der Unschuld und steht deshalb unter dem Zwang, Kinder zu ermorden.
Komponist Descamps, der sein Werk auch dirigiert, hat grösstenteils schöne Töne für seine Oper gefunden. Das Streichorchester, verstärkt durch Trompete und Schlagwerk, illustriert die Handlung bzw. charakterisiert Seelenzustände. Der Gesang ist grösstenteils rezitativisch, wobei man die grossen Szenen der beiden Protagonisten durchaus als Arien bezeichnen könnte.
Die Sänger, ohne Ausnahme ausgezeichnet, wurden ungemein typgerecht eingesetzt: so ist Lisa Rombach, die Jeanne verkörpert, ein bildhübsches Mädchen, das in der kleidsamen Rüstung äusserst gute Figur macht. Gilles de Rais war laut Quellen "schön wie ein Engel", und Paul Schweinester kam dieser Vorgabe mit fein geschnittenen Gesichtszügen sehr nahe. Auch bei Andreas Jankowitsch als Etienne de Vignoles stimmte die Optik: er verkörperte eine Kampfmaschine und konnte das mit modischem Kahlkopf sehr gut glaubhaft machen, während er mit Perücke ein sehr gerissener Diener war. Johann Leutgeb, der eine Doppelrolle als Mönch und Arzt hatte, wirkte als Mönch nicht von dieser Welt - ebenfalls sehr treffend. Gesungen wird deutsch, und die Wortdeutlichkeit der Sänger macht die Übertitel, die mitlaufen, eigentlich überflüssig. Lisa Rombach als Jeanne war jeder Zoll das entrückte, naive Mädchen, das für seine Aufgabe brennt. Sie liess dabei einen wunderschön timbrierten lyrischen Sopran hören, der bis in die höchsten Höhen - derer gab es einige - wie aus einem Guss klang. Paul Schweinester als Gilles liess einen qualitätsvollen, schlanken Tenor hören, der sich nur in der extremen Höhe etwas verengte. Bernd Lambauer als Jean d'Orléans und Arzt De la Rivière verkörperte seine beiden Rollen engagiert mit einem belastbaren Charaktertenor. Andreas Jankowitsch in seiner Doppelrolle erfreute mit einem beweglichen Bariton, ebenso wie Johann Leutgeb, der für den Mönch auch die richtigen entrückten Töne, ebenfalls im mittleren Stimmfach, traf.
Schauplatz der Aufführung war der Reaktor, das ehemalige Etablissement Gschwandner, wo früher rauschende Feste abgehalten wurden. Jetzt, im halb renovierten Zustand, bot der grosse Saal ein äusserst malerisches Ambiente für die inspirierte Inszenierung von Kristine Tornquist. Bemalte Wände fungierten als Wald, Schlachtfeld und Festung, wobei die schwarz gewandeten Kulissenschieber gelegentlich auch mitspielten. Kampfszenen auf der Bühne haftet oft eine Spur von Peinlichkeit an - hier wurden sie mit viel Geschmack angedeutet, wobei sich die Sänger manchmal in Zeitlupe bewegten und pantomimische Elemente einflossen.
Als gefühlt eine spannende Stunde vergangen war, hatte Gilles de Rais sein grausames Ende gefunden, das von seinen Mitkämpen nicht allzu gramgebeugt kommentiert wurde, und die Oper war zu Ende - tatsächlich waren beinahe zwei Stunden ohne Pause vergangen!
Deshalb bitte nicht vergessen: wo SIRENE draufsteht, ist Qualität drin!

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