Ein Gleichnis über Barmherzigkeit
Über Leben und Werk von Leo Perutz mit besonderem Blick auf den Schwedischen Reiter
von Alexander Peer
In einer poetologischen Selbstauskunft gewährt Leo Perutz anlässlich des Erscheinens des „Schwedischen Reiters“ einen raren Einblick in die stete Herausforderung seines literarischen Tuns: „Der historische Roman hat immer an der Papiersprache gekrankt, die man ihm aufgezwungen hat. Ein Drittel seiner Sprachkunst mag historisches Sprachgut sein: Sprache der Zeit, in der er spielt; ein anderes Drittel Sprachgeist der Personen, die handeln und sprechen; und der Rest ist Rhythmus, immer wieder Rhythmus und Musikalität.“
Dieses Perutz’sche Credo erschien in der Wiener Zeitschrift „Das Echo“ am 8. Februar 1936. Es scheint naheliegend, dass das sirene Operntheater nach der Inszenierung von „Nachts unter der steinernen Brücke“ im Jahr 2009 nun auf einen zweiten Perutz-Roman zugreift, um daraus eine Opernfassung zu gestalten. Wie bei vielen seiner vor allem historischen Romane holen uns die Protagonisten auch beim „Schwedischen Reiter“ zielsicher in ihre eigene Lebenswirklichkeit hinein und drängen sich dicht an uns heran – dank ihrer tönenden Sprache. Etwa wenn die Bedienstete am Gut der Maria Agneta über die Standfestigkeit des Dragonerhauptmanns im Bett folgenden schlaffen Befund fällt: „Aber der Herr ist des Spieles allzufrüh müde geworden. Das Öl ist verzehrt, das Lämpchen erloschen, hat nicht gar lang gebrannt.“ (S. 56) Der mit diesem betrüblichen Attest Versehene gibt dem Fasten die Schuld an seinen erektilen Widrigkeiten und träumt davon, sich einen Kaplan zu halten, der statt seiner beten und fasten würde, wäre er einst reich.
Praller Barock
Die Dialoge sind voller opernreifer Passagen, sie spiegeln die Fülle des Barock schlüssig wider, denn dieser Roman handelt vom Großen Nordischen Krieg Anfang des 18. Jahrhunderts. Alles hier ist üppig, die starken Gefühle, die pathetischen Gesten und die schicksalhaften Fügungen – als wäre das Buch selbst eine Partitur des Barock. Wo sonst kann man so viele klingende Namen finden wie hier? Den früh ermatteten Dragonerhauptmann nennt man Malefizbaron, die Bande des Diebs formt ein Team mit denkwürdigen Eigennamen wie dem Zinnengießer-Hannes, dem Feuerbaum, dem gehängten Adam oder der roten Lies und vielen mehr. Perutz‘ Gabe mit wenigen Worten viel zu sagen, lässt sich etwa daran festmachen, wie er den märchenhaften und grimmigen Müller einführt: „Ein Mann saß auf der Ofenbank, der hatte ein Gesicht wie spanisches Leder, gelblich fahl und runzlig und voll Falten, und die Augen staken ihm im Kopf wie zwei hohle Nußschalen. Er trug ein Wams aus rotem Tuch und einen breiten Fuhrmannshut, und auf dem Hut eine Feder, und die Stulpen seiner groben Reiterstiefel reichten ihm bis über die Knie.“ (S. 32)
Diese Personenbeschreibung ist plastisch und magisch zugleich – eine steckbriefliche Fahndung würde zur Suche im Überirdischen veranlassen, denn dieser Müller ist ein Geist, der dies jedoch wacker bestreitet. Erst gegen Ende erfährt er Erlösung und wehrt sich nicht mehr gegen das Unvermeidliche. Er steht im Dienst des den ganzen Roman abwesend bleibenden und deshalb unfassbaren Bischofs, eines machthungrigen und gegenüber den Menschen gleichgültigen Despoten, der gerade durch seine Absenz eine besondere Bedrohung ausstrahlt und eine Verkörperung des dekadenten Katholizismus ist – für den maßgeblichen Wegbereiter des Protestantismus Martin Luther war gar Papst Leo X. der Antichrist, nachdem der Mönch aus Wittenberg den ganzen Prunk und Reichtum Roms mit eigenen Augen gesehen hatte.
Echos der Kriege
„Der schwedische Reiter“ erzählt von vielem, er erzählt von konfessionellem Streit, er erzählt vom langen Nachhall des 30-jährigen Kriegs bis ins 18. Jahrhundert hinein und er erzählt vor allem davon: Wie kann man trotz allgegenwärtiger Schuld doch menschlich handeln? Warum wir den Roman allerdings eifrig lesen, hat zunächst mit einem bohrenden Rätsel zu tun: Wie ist es möglich, dass eine Person fern der Heimat in der Schlacht bei Poltawa 1709 sterben und zugleich mitten in der Nacht zum zumindest 1500 Kilometer entfernten Gut in Schlesien kommen kann? Diese nächtlichen Besuche, die – wie sich herausstellen wird – mit großen Aufwand verbunden und gefährlich sind, erfolgen allein deshalb, weil der Dieb seine Tochter für ein paar kostbare Minuten sehen und herzen will.
Wir erfahren schon im Vorbericht, dass es sich um zwei verschiedene Menschen handelt: um einen namenlosen Dieb und den adeligen Deserteur Christian von Tornefeld. Da diese Geschichte jedoch derart unglaubwürdig ist, wollen wir es genau wissen, wie die Lebensläufe zweier so geschickt ineinander verzahnt sein müssen, um eine solche Wirklichkeit zu schaffen. In sieben der Perutz-Romane ist die Situation ähnlich, ein verstörend-faszinierendes Präludium stimmt uns auf die kommenden Ereignisse ein und wir klauben wie Hänsel und Gretel die Kieselsteine zusammen, um eifrig blätternd unseren Weg zur Auflösung zu finden.
Die Kunstfertigkeit, eine vergangene Epoche opulent auferstehen zu lassen, zeichnet alle historischen Romane von Perutz aus: „Die dritte Kugel“, „Der Marques de Bolibar“, „Turlupin“, „Nachts unter der steinernen Brücke“, „Der Judas des Leonardo“ und eben „Der schwedische Reiter“.
Zweitwohnsitz Café
Wir wissen von Perutz, dass er das Leben in Wien genoss, sein Zweitwohnsitz waren die literarischen Cafés der Stadt. Er nahm das Leben in der pulsierenden Metropole in vollen Zügen in sich auf, betätigte sich zudem sportlich, unternahm ausgedehnte Reisen bis in den Orient, nach Nordafrika und durch Europa. Er hatte es sich in der Porzellangasse 37 im Alsergrund wohlig eingerichtet. Von 1922 bis zur Flucht 1938 vor dem nationalsozialistischen Regime pflegte er dort ein bürgerliches, wenn nicht gar großbürgerliches Leben. Zumeist konnte er sich dies dank der Zahlungen aus dem familiären Betrieb, seiner bis 1923 andauernden Tätigkeit als Versicherungsmathematiker bei der Anker Versicherung sowie seiner gerade in den 1920er Jahren zuweilen exzellenten Honorare für Bücher, Filmadaptionen oder auch dramaturgischen Arbeiten für andere leisten. Erst mit dem Beginn der Wirtschaftskrise in der Folge des sogenannten Schwarzen Freitags (eigentlich ein Donnerstag) an der New Yorker Börse 1929 und erst recht mit dem Verbot für seine Bücher am deutschen Markt ab 1933 ist das Thema Geldknappheit omnipräsent und bleibt es in seiner dritten Lebenshälfte, die fast zwanzig Jahre Exil – erst im britischen Protektorat Palästina, dann im neu gegründeten Staat Israel – beinhalten; unterbrochen nur von Sommerurlauben im Salzkammergut des Nachkriegsösterreich. Dort ereilte ihn auch am 25. August 1957 der Tod durch ein akutes Lungenödem. Da war er gerade zu Besuch bei einem langjährigen Vertrauten und erzählerisch durchaus Verbündeten, dem Autor Alexander Lernet-Holenia, für den er wiederholt Ideenspender war; unter anderem ist der Roman „Jo und der Herr zu Pferde“ – ein flott erzählter Kolportageroman – einer Idee von Perutz geschuldet, der dafür auch prozentuell an den Einnahmen beteiligt wurde. In Bad Ischl ist Leo Perutz begraben – sehr zu seinem Missfallen, wie wir vermuten können, denn wie er in einem Café in Tunis 1924 festhielt, schwebte ihm vielmehr diese letzte Wohnstätte vor: „Ein Grab im Kaffeehaus und rings um mich her der Rauch der Zigaretten, Pagat und Solo-Gromoboi, das Klappern der Dominosteine und der Duft des schwarzen Kaffees.“
Ein kluger Schelm
Wir wissen manches über Leo Perutz, aber wir wissen auch vieles nicht. Wir wissen etwa nicht, ob er nicht vielleicht doch zumindest eine Zeitlang ein Musikinstrument gespielt hat – ähnlich wie bei seiner literarischen Arbeit verhält es sich auch mit seinen persönlichen Vorlieben, er hat gegeizt mit erhellenden Bekenntnissen. Aussagekräftige und eingehende Tagebücher führte er im Gegensatz zu vielen anderen nicht. Mitunter bringen seine archivierten Briefe ihn uns nahe. So schreibt er im Herbst 1907, als er für die Assicurazioni Generali in Triest tätig ist, an seine heiß geliebte Großmutter, deren Gabe fürs Geschichten erzählen er lobt und die ihm womöglich auch Ansporn war, literarische Ideen ernst zu verfolgen: „Jetzt ist hier Scirokko (sic!), eine der wunderbarsten Einrichtungen, die man sich denken kann. Wenn man nämlich nervös, streitsüchtig und auf seine Umgebung wütend ist und allen Leuten Grobheiten sagt, also an jenem komplizierten Seelenzustand leidet, den Du immer ebenso leichtfertig wie ungerecht durch die Bezeichnung ‚meschugge’ zu charakterisieren pflegtest, sagen die Italiener: das ist der Scirokko. Es ist die glänzendste Ausrede, die es gibt, und ich habe diese wohltätige Institution, die es einem ermöglicht, seinen Bekannten endlich einmal seine Meinung zu sagen, immer vermisst.“
Zu dieser Zeit ist im fernen Prag für die gleiche Versicherungsgesellschaft ein Jurist tätig, der dank Max Brod Weltruhm erlangen wird. Über diesen umtriebigen Kollegen fällt Perutz später in Palästina das ironische, aber auch treffende Urteil: „Der Franz Kafka ist dem Max Brod seine beste Romanfigur.“
Perutz war gewiss einer, der Proseminare zum Sarkasmus hätte geben können. Aber zugleich offenbaren seine Romane universelle Themen, sind seine Figuren Repräsentanten fragiler Identitäten. Bei jedem seiner Romane lugt der Ahnherr der deutschen schwarzen Romantik hervor, wie er einmal gesteht: E.T.A. Hoffmann.
Alter Egos gut verhüllt
Sind also seine literarischen Geschöpfe die verlässlichsten Zeugen seiner inneren Kämpfe? Ein heikles Terrain betritt der, der Leben und Werk so eng zusammendenken will, aber zu offensichtlich treten uns die Wünsche und Ängste seiner so verschiedenen und doch gleichen Alter Egos entgegen – geradezu programmatisch zeigt sich dies an der Figur des Vagabunden Mancino im letzten Perutz-Roman „Der Judas des Leonardo“, der eine Hommage an den Dichter François Villon ist, dessen berühmte Formel „Ich kenne alles. Alles außer mich.“ sich als Einsicht für Leo Perutz selbst anbietet. Daran ändert auch die mittlerweile über weite Strecken detailliert bekannte Biografie des 1882 in Prag geborenen Romanciers wenig. Denn obwohl wir über viele Etappen dieser Reise Bescheid zu glauben wissen, bleiben wir oft auf Spekulationen angewiesen, wenn wir die Entwicklung seiner Romanmotive tiefer zu ergründen versuchen. Perutz erlebt seine ersten 36 Jahre in der pulsierenden Gründerzeit im k. u. k. Imperium bis zu dessen Niedergang. Er hat wohl seine aufregendsten Jahre in den oft gar nicht so goldenen 1920er Jahren, bis die Machtergreifung der NSDAP Europa in Zerstörung und Wahnsinn stürzt. Danach ordnet sich die Welt geopolitisch völlig neu – was mag Perutz wohl über den kalten Krieg gedacht haben, der in seinen letzten Lebensjahren zum bestimmenden Thema wurde? Wir können es nur vermuten. Wir bestaunen seinen Aufstieg zum vielgelesenen Autor in den 1920er Jahren, dessen „Wohin rollst du Äpfelchen?“ der Berliner Illustrirten (sic!) rund 30.000 Abonnenten mehr eingebracht hat, weil sie fiebernd den Roman schon im – bis in die 1970er Jahren durchaus verbreiteten – Vorabdruck lesen wollten und die kommende Ausgabe kaum erwarten konnten. Betroffen macht uns sein Schicksal in den 1930er Jahren und insbesondere sein Verschwinden in vollkommener Vergessenheit fern seiner Heimat – oder besser seiner Heimaten, denn wie er in einem seiner Briefe verbittert feststellt: „Ich habe deren drei gehabt, und alle drei wurden mir wegeskamotiert.“ Im gleichen Brief kommt er zum betrüblichen Urteil: „Mit Nationalgefühl beginnt’s und mit Cholera und Ruhr und Diktatur endet es.“
Das anachronistische Wegeskamotieren setzt sich für den Autor bis an sein Lebensende fort:
Misslungene und demütigende Versuche, nach dem Zweiten Weltkrieg als Schriftsteller wiedergeboren zu werden, sind zwar exemplarisch für diese Nachkriegsära in Schutt und Mangel, aber manche Blockade, die sich ihm in den Weg stellt, liest sich heute wie ein schmerzlicher Bescheid zur Befindlichkeit des verführten, verwirrten und schuldbeladenen Österreich. Wenn man sich etwa in Erinnerung ruft, dass der Paul Zsolnay Verlag 1951 die Publikation von „Nachts unter der steinernen Brücke“ aus Furcht ablehnte, worauf Perutz trotz gewisser Vorahnungen wütend reagiert: „Zsolnay schont die Empfindlichkeit jenes Wiener Gesindels, das nicht gerne daran erinnert werden will, dass es Juden gibt, gegen die es sich schlecht benommen hat.“
Was wissen wir über den Alltag dieses Autors, der praktisch kein Interview gegeben und selten durch Lesungen der Öffentlichkeit einen Einblick in seine Person gewährt hat? Dass er mit seiner ersten Frau Ida Weill zehn erfüllende Ehejahre mit drei gemeinsamen Kindern erlebt hat, dürfen wir annehmen. Diese Jahre bilden zudem seine produktivste Zeitspanne. Tragischerweise enden sie unmittelbar nach der Geburt des dritten Kindes – Felix – im März 1928. Dieser Verlust und die große Trauer und später sein Leben im Exil stellen wohl neben seiner lebensgefährlichen Verletzung im Ersten Weltkrieg durch einen Schuss und in der weiteren Folge eine Sepsis die größten Proben für ihn dar, am Leben bleiben zu wollen, sich eben nicht geschlagen geben. Im Jahr 1935 heiratet er Grete Humburger, mit welcher er bis zu seinem Tod zusammenbleibt.
Abschied aus Europa
Dem „Schwedischen Reiter“ blieb jener Erfolg am Buchmarkt verwehrt, den Christian von Tornefeld auf dem Schlachtfeld erleben durfte. Das Jahr 1936 war hoch brisant und für das Erscheinen des Buches denkbar ungünstig. In Deutschland hatte die NSDAP dafür gesorgt, dass das Werk verboten wurde. Österreich war als Markt zu klein und selbst die Übersetzungen in den ungarischen und schwedischen (1937) sowie den tschechoslowakischen, norwegischen und niederländischen (1938) Sprachraum änderten nichts daran, dass das Buch für Perutz zur finanziellen Katastrophe wurde. Und das für ein Buch, dessen erste Bausteine bereits 1928 gesetzt worden sein sollen und das Perutz somit für fast acht Jahre begleiten sollte, auch wenn er es für das Schreiben von „Sankt Petri-Schnee“ länger unterbrach. Anfang 1938 konstatiert Perutz deshalb auch wie folgt, „brächte ich einen Roman zustande, so fände ich keinen Verleger, und fände ich einen, so hätte ich kein finanzielles Ergebnis.“
Ist es Perutz also selbst, der im „Schwedischen Reiter“ sein Pferd sattelte, weil er ahnte, sein Land und sein vertrautes Leben endgültig verlassen zu müssen und ganz gleich, wie er sein künftiges Leben gestalten würde können, es drohte ihm ein ungeheuerlicher Verlust – womöglich gar das Ende?
Eine neue Sicht auf das Perutz-Œuvre
Es findet sich in der mittlerweile zahlreich vorhandenen Sekundärliteratur zu Leo Perutz folgende Wahrnehmung nicht: Seine letzten drei Romane befassen sich – ungemein spannend und facettenreich erzählt – zentral mit dem Schuldbegriff. Im „Schwedischen Reiter“ sind das nicht etwa die Kirchenraube des Diebs, sondern dass er sein Wort gegenüber Christian von Tornefeld gebrochen, dass er seinen Vorteil gesucht und genutzt hat. Ganz genau in der Mitte des Romans überkommt den Dieb eine Epiphanie – ein überirdisches Tribunal befasst sich mit seinem Lebensfall. Nicht seine Taten als Verbrecher wiegen schwer, sondern sein Wortbruch. Als Strafe darf er nie über seine wahre Identität sprechen. Zunächst möchte man meinen, nicht nur einem Kriminellen käme dies als Letztes in den Sinn, aber dann hat er mit Maria Agneta ein Kind: Maria Christine. Ihr gegenüber will er sich offenbaren und endlich auch seiner Frau gegenüber völlig aufrichtig sein. Als er den Entschluss fasst, das Gebot zu brechen und sich seiner Familie anvertrauen will, stürzt er in den Tod.
In „Nachts unter der steinernen Brücke“ im alten Prag ist die zentrale Schuld die verbotene Liaison von Rudolf II. und der schönen Jüdin Esther, der Frau des Mordechai Meisl. Der Rabbi Löw lässt unter der Brücke einen Rosmarin und eine Rose dank einer kabbalistischen Formel zueinander finden – sie stehen für die beiden, die hier Ehebruch begehen. Erst das Ausreißen des Rosmarinstrauchs und damit der Tod Esthers beenden den Fluch und damit die Pest, die über die Judenstadt gekommen ist – die Rose und somit der Kaiser Rudolf II. bleiben unversehrt. In „Der Judas des Leonardo“ geht es um das letzte Abendmahl von Leonardo da Vinci. Mühsam gestaltet sich die Darstellung des Verräters. Erst Joachim Behaim liefert die richtige Vorlage für den Renaissance-Meister. Behaim verrät seine Liebe, nur um sich an einem Schuldner seines Vaters zu rächen. Wie so oft in Perutz‘ Romanen findet sich hier eine faszinierende Doppelung. Erst liefert das Antlitz von Behaim die Vorlage für den Judas, dann meinen die Leute anhand dieses Judas zu erkennen, dass es von Anfang klar sein hätte müssen, dass Behaim kein Guter war, da er ja das Gesicht des Erz-Schuldigen trägt.
Schuld und Barmherzigkeit
Diese letzten drei Romane von Leo Perutz handeln von Schuld, sie führen uns diese dank bestrickender Bilder und Wendungen vor Augen. Der unzuverlässige Ich-Erzähler ist überwunden – jener Typus, der zwischen Wunscherfüllung und verhüllter Scham pendelt, und dessen Wirklichkeitskonstruktion bestechend überzeugt und dennoch gehörig in Zweifel zu ziehen ist. Etwa in „Zwischen neun und neun“, „Der Meister des Jüngsten Tages“ und „Sankt Petri-Schnee“ hat Perutz diesem so modernen, psychologisch komplexen Erzähler schimmernde Denkmäler gesetzt. Doch in seiner letzten Lebensphase widmet sich Perutz Idealen der Barmherzigkeit. In einer Zeit der erst drohenden, dann verwirklichten industriellen Vernichtung menschlichen Lebens von 1933 bis 1945 – die Erzhütte des Bischofs, in welcher sowohl der Dieb als auch Christian von Tornefeld fast bis zum Tod gemartert werden, lassen sich als Sinnbild des gnadenlosen Ausbeutens des Einzelnen und der völligen Gleichgültigkeit gegenüber dessen Not lesen – schreibt dieser magische Realist letztlich knallharte Reportagen über diese Verrohung und entwirft dabei überzeitliche Gemälde der Barmherzigkeit, poetisch versiert und kosmopolitisch gültig. Er verweltlicht religiöse Fragen auf seine spezifische Weise.
Die Rückkehr des Verschollenen
Ein Grund, warum Perutz für Jahrzehnte in Vergessenheit geraten ist, mag in der aufklärerischen Agenda der 60er-Jahre gelegen haben, als etwa folgende Parole an den Universitäten zu hören war: „Schlägt die ‚blaue Blume‘ tot, färbt die Germanistik rot.“ Die romantischen Motive in Perutz‘ Werk passten nicht zur Forderung, historische Details wirklichkeitsgetreu aufzuarbeiten. Jedes Spiel mit geschichtlichen Versuchsanordnungen schien verdächtig.
Heute jedoch kann gerade die Parabel für unsere erneut bedrohliche geopolitische Situation augenöffnend sein. Wer sich in den tagesaktuellen Informationen verfängt, verliert rasch die Kraft zum auktorialen Blick auf die Ereignisse. Perutz‘ Romane streben immer wieder universale Panoramen an, sie verhandeln existenzielle Identitätsfragen und setzen oft einen martialischen Rahmen, um dafür Antworten in packender Weise erzählerisch aufzufächern. So auch beim Schwedischen Reiter, der den Menschen in eine Welt geschmissen vorstellt, in welcher Gewalt und Verfolgung zur wiederkehrenden Grunderfahrung zählen – doch auf so süffige Weise ist selten über Flucht, prekäre Existenzen und Verbannung geschrieben worden. Dass Leo Perutz diesen Roman just am Anfang des nationalsozialistischen Terrors vollendete, als dessen umfassender Massenmord zwar denkbar, aber doch noch unglaubwürdig erschien, mag auch einer seherischen Gabe geschuldet sein. Möglicherweise war der 1936 beginnende Spanische Bürgerkrieg Beweis genug, um zu sehen, auf welche Abgründe Europa zuritt. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten war Warnung genug, dass der wachsende Revanchismus zu einem Krieg anzuwachsen drohte, der wieder den ganzen Kontinent in seinen zerstörerischen Bann ziehen würde. In der Führerfigur Malchin im 1933 erschienenen „Sankt Petri-Schnee“ ist dies kunstvoll prophezeit. „Der schwedische Reiter“ provoziert die Atmosphäre des permanenten Kriegs und zeigt buchstäblich wie metaphorisch, wie die verbrannte Erde die Sohlen verkohlen lässt.
Perutz und die Musik
Barmherzigkeit ist eine Tugend, die wie geschaffen ist für eine Operninszenierung. Wo lässt es sich leichter träumen von einer idealen Welt als in der Oper?
Wir wissen von Leo Perutz auch, dass er sich gerne mit Musik befasste. Sie spielt in vielen seiner Romane eine tragende Rolle. Im „Meister des Jüngsten Tages“ ist es das Klaviertrio op. 8 in H-Dur von Johannes Brahms, das den dramatischen Rahmen für den rätselhaften Tod des Schauspielers Eugen Bischoff schafft. In „Nachts unter der steinernen Brücke“ ist es unter anderem eine Sarabande, ein beliebtes Tanzstück aus dem Barock, das dem Baron Jurancic eine willkommene Rache an dem arroganten Grafen Collalto bietet. Der Baron ist so schamlos vom Grafen gedemütigt, dass dieser sich zu Tode tanzen soll – erst der Zauber des Rabbi Löw vermag durch das Bildnis eines erbarmenswerten Ecce homo Jurancic und seine kroatischen Musiker unmittelbar zum Innehalten geradezu zu zwingen. Sie empfinden tiefes Mitleid für den von ihnen Geschundenen. Der Clou bei diesem Ecco homo ist nicht die Darstellung des gekreuzigten Christus, sondern das Bild des verfolgten Judentums. In „Zwischen neun und neun“ wiederum ist es die Ballade vom Prinzen Eugen, die den verhängnisvollen Sturz des getriebenen Stanislaus Demba begleitet. Selbst bei den Kurzgeschichten findet sich der eine oder andere musikalische Hinweis. Besonders schön liest sich eine Passage aus der Kurzgeschichte „Der Tag ohne Abend“, in welcher der Mathematiker George Duval einem tristen Ende entgegenblickt. Duval ahnt, aufgrund eines nahenden Duells jung sterben zu müssen. Doch erst angesichts dieser Bedrohung ist sein mathematischer Ehrgeiz entfacht und er überwindet seinen prokrastinierenden Alltag: „Manchmal ertönte Geigenspiel aus der Nachbarwohnung, ein junges Mädchen, das er nicht kannte, übte die A-Dur-Sonate von Tartini, und die Schwermut dieser Melodien vereinigte sich mit den Mysterien der Mathematik zu einer magisch-phantastischen Welt, die voll Abenteuer war wie Klingsors Garten.“
Dieser Satz ist wie ein Siegel für das gesamte Perutz-Werk: gebaut mit mathematischer Präzision sind seine Texte und sie klingen so gewandt, dass ein Maestro spürbar ist. Bestimmt hätte Leo Perutz im Auditorium still Platz genommen und der Inszenierung des sirene Operntheaters von „Der Schwedische Reiter“ andächtig zugehört.
Quellenhinweise:
Herr, erbarme dich meiner! Leo Perutz. Leben und Werk. Alexander Peer (Hg.), Edition ArtScience, Wien und St. Wolfgang 2007
Leo Perutz. Biographie. Hans-Harald Müller, Zsolnay, Wien 2007
Unruhige Träume – Abgründige Konstruktionen. Brigitte Forster und Hans-Harald Müller (Hg.), Sonderzahl Verlag, Wien 2002
Leo Perutz 1882-1957. Eine Ausstellung der Deutschen Bibliothek Frankfurt am Main. Brita Eckert und Hans-Harald Müller, Zsolnay, Wien und Darmstadt 1989
Leo Perutz - "Ich kenne Alles. Alles, nur nicht mich". Ulrike Siebauer, Bleicher Verlag, Gerlingen 2000
Der Schwedische Reiter. Leo Perutz, Paul Zsolnay Verlag, Wien 1936 und 2002
Veröffentlichungen Prosa von Leo Perutz
Ersterscheinungen
1. Die dritte Kugel. München: Langen 1915
2. Das Mangobaumwunder (mit Paul Frank). Eine unglaubwürdige Geschichte. München: Langen 1916
3. Zwischen neun und neun. Roman. München: Langen 1918
4. Das Gasthaus zur Kartätsche. Eine Geschichte aus dem alten Österreich. München: Musarion 1920
5. Der Marques de Bolibar. Roman. München: Langen 1920
6. Die Geburt des Antichrist. Wien, Berlin, Leipzig, München: Rikola-Verlag 1921
7. Der Meister des Jüngsten Tages. Roman. München: Langen 1923
8. Turlupin. Roman. München: Langen 1924
9. Der Kosak und die Nachtigall (mit Paul Frank). Roman. München: Verlag der Münchner Illustrierten Knorr & Hirth 1928
10. Wohin rollst du, Äpfelchen ... Roman. Berlin: Ullstein 1928
11. Herr, erbarme Dich meiner! Novellen. Wien: Phaidon 1930
12. Sankt Petri-Schnee. Roman. Berlin, Wien, Leipzig: Zsolnay 1933
13. Der schwedische Reiter. Roman. Wien: Zsolnay 1936
14. Nachts unter der steinernen Brücke. Frankfurt: Frankfurter Verlagsanstalt 1953
15. Der Judas des Leonardo. Roman. Wien, Hamburg: Zsolnay 1959
16. Mainacht in Wien. Romanfragmente. Kleine Prosa. Feuilletons. Aus dem Nachlass. Hrsg. v. Hans-Harald Müller. Wien: Zsolnay 1996









