Leo Perutz und der Krieg

Obwohl Leo Perutz 1914 noch wegen seiner starken Kurzsichtigkeit als untauglich galt, wurde er im August 1915 angesichts des enormen Personalmangels der österreichisch-ungarischen Armee als Landsturm-Infanterist eingezogen. Nur wenige Monate später, im November 1915, erschien sein Debütroman Die dritte Kugel. Zu diesem Zeitpunkt stand er bereits mitten in der militärischen Ausbildung, die ihn schließlich an die galizische Ostfront führte.

Dort erlebte Perutz den Krieg in seiner grausamsten Form. Im Juli 1916 wurde er durch einen lebensgefährlichen Lungenschuss schwer verwundet. Er entging nur knapp dem Tod, verbrachte Monate in Lazaretten und war nach seiner Genesung physisch nicht mehr fronttauglich. 1917 wurde er als Leutnant in das Wiener Kriegspressequartier versetzt, wo er fortan in der Zensurabteilung für Kriegsgefangenenkorrespondenz arbeitete.

Diese neue Position schützte zwar sein Leben, konfrontierte ihn durch das Lesen unzähliger Briefe gefangener Soldaten jedoch mit dem massenhaften psychischen und physischen Elend des Krieges. In dieser Zeit knüpfte er im Wiener Kaffeehausleben enge Kontakte zu pazifistischen und regimekritischen Intellektuellen wie Egon Erwin Kisch. Die Kombination aus eigener, beinahe tödlicher Verwundung und dem bürokratisch verwalteten Grauen der Zensurarbeit machte Perutz nach 1918 zu einem erbitterten Kritiker der kaiserlichen Armeeführung und insbesondere der meist unbarmherzigen Militärjustiz.

Perutz hatte am 13. Dezember 1918 in der Wiener Arbeiter-Zeitung einen scharfzüngigen Artikel mit dem Titel Eine Musterung für den Galgen veröffentlicht. Darin prangert er die gnadenlose und absurde Härte der kaiserlichen Militärjustiz an. Er beschreibt, wie todkranke oder bettlägerige Häftlinge noch kurz vor dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie medizinisch als „diensttauglich“ eingestuft wurden – mit der einzigen Konsequenz, dass an ihnen kurz darauf ein Todesurteil durch den Strang vollstreckt werden konnte.

Karl Kraus, der für sein Antikriegsdrama Die letzten Tage der Menschheit eine Collage aus Dokumenten, Pressezitaten und Gräuelberichten zusammensetzte, baute diese Kritik als dokumentarisches Element in sein Werk ein. Für Kraus war Perutz’ Bericht ein Paradebeispiel für die Entmenschlichung des kriegerischen Staatsapparates, bei dem bürokratische Gründlichkeit und mörderischer Wahnsinn Hand in Hand gingen.

Dass Leo Perutz die Handlung des Schwedischen Reiters im Jahr 1701 zu Beginn des Großen Nordischen Krieges ansiedelte, steht in direktem Bezug zu seiner eigenen Kriegserfahrung und der politischen Zerrüttung der 1930er Jahre.

1. Das Trauma des „totalen“, entfesselten Krieges

Der Große Nordische Krieg verwandelte Regionen wie Schlesien in gesetzlose Zonen. Die Parallelen zu Perutz’ eigenen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg sind unübersehbar: Im Roman beherrschen marodierende Regimenter, Lynchjustiz, Hunger und Bandenkriminalität das Land. Das deckte sich eins zu eins mit dem Zusammenbruch der Zivilisation, den Perutz 1916 an der galizischen Front hautnah miterlebt hatte.

Perutz beschreibt im Roman ein beinahe an moderne Konzentrationslager erinnerndes, unterirdisches Arbeitslager eines Bischofs, in dem Gefangene an Karren geschmiedet schuften müssen. Diese Vision des industrialisierten, bürokratisierten Menschenschindens speiste sich direkt aus Perutz' Abscheu gegen den preußisch-österreichischen Militärapparat und seine Zensurarbeit.

2. Die Deserteur-Thematik als moralischer Kern

Die beiden Hauptfiguren des Romans – ein namenloser Dieb und der adelige schwedische Offizier Christian von Tornefeld – befinden sich auf der Flucht. Tornefeld ist ein Deserteur, der den Kriegsdienst verweigert hat, weil er den Belastungen und der Grausamkeit nicht gewachsen war. Während des Ersten Weltkriegs hatte Perutz als Zensor Tausende Briefe von Soldaten gelesen und die Verzweiflung derer dokumentiert, die der Front entfliehen wollten.

In einer Zeit, in der das offizielle Österreich der Zwischenkriegszeit und das aufkeimende Nazi-Deutschland Deserteure als „ehrlose Vaterlandsverräter“ brandmarkten, erhob Perutz den Identitätstausch eines Deserteurs zum zentralen moralischen Konflikt seines Buches. Er blickte mit radikaler Empathie auf jene, die aus der militärischen Pflichtordnung ausbrachen.

3. Masken und Identitätsverlust in Krisenzeiten

Der Große Nordische Krieg dient Perutz als perfekte Kulisse für sein mathematisch-metaphorisches Lieblingsmotiv: den Identitätstausch. In einer Welt, in der das nackte Überleben davon abhängt, welche Uniform man trägt, tauschen Edelmann und Vagabund die Rollen. Dies spiegelt Perutz' eigene Erfahrung wider: Er selbst fühlte sich zeitlebens als Grenzgänger – im Alltag der kühle, rationale Versicherungsmathematiker, im Geist der phantastische, jüdische Literat.

Der Krieg wirbelte ab 1914 alle gesellschaftlichen Hierarchien durcheinander: Intellektuelle wurden zu Nummern im Schützengraben, Adelige flohen und Kriminelle wurden zu Kriegshelden. Perutz nutzte das historische Jahr 1701 als Verfremdungseffekt, um zu zeigen, dass Krieg den Menschen ihre Identität raubt und sie zwingt, eine Maske aufzusetzen, um nicht unterzugehen.

Als der Roman 1936 erschien, war der Bezug zur Gegenwart für seine Leser unmissverständlich: Der Große Nordische Krieg war Perutz' historische Chiffre für die Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs und zugleich eine düstere Warnung vor dem herannahenden nächsten Krieg.

Jury Everhartz