Gezählte Tage, gewürfeltes Glück

Recht und Unrecht, Brüder, sind zwei ungleiche Pferde, jedes geht einen anderen Schritt. Aber manchmal ist mir’s, als sähe ich die Faust, die beide am Zügel hält und mit ihnen das Ackerfeld der Erde umpflügt. Wie soll ich ihn nennen, den rätselhaften Willen, der uns alle so elend und zu seinem Narren gemacht hat? Soll ich ihn Schicksal nennen oder Zufall oder ewiges Gesetz der Sterne? Leo Perutz, Der Marques de Bolibar, 1920

Sieben Abende mit dem schwedischen Reiter, sieben glückliche Jahre des Helden in getauschter Identität auf dem Besitz eines anderen. Sieben Jahre auf der glücklichen Seite der Medaille, die jeden Augenblick umschwingen kann und das gegenteilige Bild zeigen. Gezählte Tage, gewürfeltes Glück, sieben Annährungen an einen Autor, der seine eigene Biographie im Privaten hielt und es ablehnte, mit seinem Werk verwechselt zu werden oder mit seinem Konterfei für seine Bücher zu werben. Bitte, schreiben Sie nichts über mich und alles über meine Romane! (Leo Perutz)

Zur Premierenvorstellung spricht der herausragende Perutz-Kenner, der Hamburger Germanist Hans-Harald Müller über Leo Perutz und den modernen Roman. Müller ist seit den 1980er-Jahren Herausgeber der kritischen Werkausgabe im Zsolnay-Verlag und kann mit Fug und Recht für die Perutz-Renaissance verantwortlich gehalten werden. Seine Biographie ist ein Standardwerk und eine wunderbar zu lesende Einführung in den Kosmos Leo Perutz.

Versicherungsmathematiker und Meister des phantastischen Romans – was wie ein Widerspruch in sich klingt, sind nur die beiden offiziellen Hauptberufe des vielgestaltigen Leo Perutz. Vom Versuch, ein eigenes Leben mit dem eines anderen zu tauschen, handelt Der schwedische Reiter. Über den Identitätspluralismus: Von Drang und Last, mehr als eines zu sein spricht am zweiten Abend der Wiener Philosoph Klaus Speidel.

Seit dem Ende der Zwanzigerjahre war das Wiener Verlagshaus Zsolnay Leo Perutz verlegerische Heimat. Der langjährige Verlagsleiter des Zsolnay Verlags Herbert Ohrlinger hat sich wie kaum ein anderer um die nachhaltige Wiederentdeckung von Leo Perutz Werk in den letzten Jahrzehnten verdient gemacht. Er erzählt von seiner Leidenschaft für den Autor und von dessen besonderer Beziehung zu seinem Wiener Verlagshaus. 

Über den Buchhandel der Zwischenkriegszeit und die historischen Romane von Leo Perutz im Umfeld der Besteller seiner Zeit gibt die Wiener Historikerin und Buchhändlerin Ulla Remmer Auskunft. Die amerikanische Kulturwissenschaftlerin und Kuratorin des jüdischen Museums Caitlin Gura beleuchtet den schwierigen Weg ins Exil sowie Leo Perutz‘ Jahre in Palästina.

Der Wiener Autor Alexander Peer lädt während der Spielzeit an zwei Tagen das Publikum zu einem Perutz- Spaziergang zu Schauplätzen aus dessen Romanen ein. Peer durchstreift bei dieser literarischen Stadtexpedition den neunten Bezirk, wo Perutz viele Jahre in der Porzellangasse 37 gewohnt hat und seine bekanntesten Romane verfasste. Am Mittwochabend spricht er über den Schwedischen Reiter als einem Gleichnis der Barmherzigkeit.

Mit einem Nocturno für Leo Perutz, Wohin oder Der Preis der Nacht, beendet Doron Rabinovici die spielerisch nachdenkliche Reihe.

 

Gezählte Tage, gewürfeltes Glück. Eine Vortragsreihe

zur Uraufführung der Oper DER SCHWEDISCHE REITER, kuratiert von Isabelle Gustorff. An allen Vorstellungsabenden im Jugendstiltheater eine Stunde vor Vorstellungsbeginn (18.30 Uhr). Der Zutritt ist (barriere)frei, Theaterbar geöffnet. | Ö1 Club


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Samstag, 21.11.2026, 18:30 Uhr

Hans-Harald Müller  | Ö1 Club

Der schwedische Reiter – Leo Perutz und der moderne Roman

Der Hamburger Germanist Hans-Harald Müller gilt als der profundeste Kenner von Leben und Werk des Autors Leo Perutz. Er ist der Herausgeber der Werke von Leo Perutz im Verlag Zsolnay und Verfasser der maßstabsetzenden Biographie Leo Perutz. Müllers jahrzehntelange Forschungsarbeit war entscheidend dafür verantwortlich, das literarische Erbe von Leo Perutz neu zu würdigen. Von 1977 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2008 lehrte er als Professor am Literaturwissenschaftlichen Seminar der Universität Hamburg und nahm in dieser Zeit zahlreiche Gastprofessuren im In- und Ausland wahr – unter anderem an der Washington University sowie am St John’s College in Cambridge.

Weitere wichtige Bücher von Hans-Harald Müller sind: Der Krieg und die Schriftsteller (1986), Ungeheuer Brecht – Eine Biographie seines Werks (gem. mit Tom Kindt und Frank Thomson, 2006). Zuletzt erschien, herausgegeben von Hans-Harald Müller, Kleine Schritte und große Sprünge Zur Konzeption und empirischen Praxis einer Wissenschaftsgeschichte der literaturwissenschaftlichen Germanistik, Berlin: Metzler/Springer, 2025.

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Sonntag, 22.11,2026, 18:30 Uhr

Klaus Speidel | Ö1 Club

Identitätspluralismus: Von Drang und Last, mehr als eines zu sein

Der Philosoph, Kunstkritiker und Kurator Klaus Speidel beschäftigt sich mit der Erforschung, wie Künstliche Intelligenz unsere Kunst, visuelle Kultur und Gesellschaft transformiert. Nach seinem Studium in München und Paris sowie einer Promotion an der Sorbonne fließen seine theoretischen Erkenntnisse heute in die angewandte Spitzenforschung ein. Am Austrian Institute of Technology (AIT) leitet er als Kurator das innovative Programm artloop. Diese Initiative bündelt Kompetenzen an der Schnittstelle von Technologie, Kreativität und Gesellschaft. Ziel ist es, durch Art Thinking und künstlerische Methoden komplexe wissenschaftliche Themen wie generative KI, digitale Transformation und Dekarbonisierung für die Industrie und Öffentlichkeit emotional und ethisch greifbar zu machen.

Um diesen interdisziplinären Austausch auch im öffentlichen Raum zu verankern, gründete er die Wiener KI-Gespräche. In dieser regelmäßig stattfindenden Diskussionsreihe bringt Speidel Expertinnen und Experten aus Technologie, Philosophie, Kunst und Psychologie zusammen. Parallel zu seiner Diskursarbeit übersetzt Speidel diese Fragestellungen in den physischen Ausstellungsraum. Seine kuratorische Handschrift war und ist in bedeutenden Institutionen zu sehen – so etwa als Co-Kurator der Ausstellung Fragile Schöpfung im Dom Museum Wien, welche die Verletzlichkeit von Natur, Mensch und künstlichen Welten beleuchtet. An der Universität für angewandte Kunst Wien vermittelte Klaus Speidel Studierenden theoretische Werkzeuge zur Bild- und Erzähltheorie im digitalen Zeitalter und schlug damit eine Brücke zwischen universitärer Lehre, musealer Praxis und technologischem Fortschritt.

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Montag, 23.11.2026, 18:30 Uhr

Caitlin Gura | Ö1 Club

Leo Perutz im Exil

Die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Caitlin Gura lebt in Wien. Sie ist seit 2018 am Jüdischen Museum Wien tätig, seit 2023 als Kuratorin. Aktuell zeigt das Museum die von ihr kuratierte Ausstellung Heimatlos: Wiener Juden im Exil. In dieser am Judenplatz beheimateten Schau wählt Gura einen bewusst intimen, stark personenzentrierten Ansatz. Anstatt die oft erzählten, glanzvollen Erfolgsgeschichten prominenter Emigranten in den Vordergrund zu stellen, rückt sie die schmerzhafte Realität des Heimatverlusts und die oft fragmentierten Lebenswege ganz normaler Wiener Jüdinnen und Juden ins Rampenlicht.

Für das Projekt spürte Gura in jahrelanger, weltweiter Recherchearbeit private Familienarchive auf und brachte Alltagsgegenstände, Fluchtdokumente und persönliche Korrespondenzen von Nachfahren aus den USA, Israel und Europa erstmals wieder zurück nach Wien.

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Dienstag, 24.11. 2026, 18:30 Uhr

Herbert Ohrlinger im Gespräch

Leo Perutz und der Paul Zsolnay Verlag | Ö1 Club

Der langjährige Verlagsleiter des Zsolnay Verlags hat sich wie kaum ein anderer um die nachhaltige Wiederentdeckung von Leo Perutz Werk in den letzten Jahrzehnten verdient gemacht. Er erzählt von seiner Leidenschaft für den Autor und von dessen wechselvoller Beziehung mit seinem Wiener Verlagshaus. Als Paul Zsolnay 1924 ebendort seinen belletristischen Verlag gründete, tat er dies mit dem Ziel, der österreichischen Literatur eine weltweite Stimme zu geben. Zu den ersten Autoren, die er unter Vertrag nahm, gehörte der bereits etablierte Wiener Schriftsteller und studierte Versicherungsmathematiker Leo Perutz.

Perutz war für seine meisterhaften, mathematisch präzise konstruierten Romane des phantastischen Realismus bekannt, in denen historische Kulissen mit psychologischen Vexierspielen verschwammen. Bei Zsolnay fand Perutz eine verlegerische Heimat, die seine Werke kongenial betreute. Romane wie Wohin rollst du, Äpfelchen ... (1928) oder das hellseherische Meisterwerk St. Petri-Schnee (1933) festigten Perutz' Ruf als einer der meistgelesenen und erfolgreichsten Autoren der Zwischenkriegszeit, während der Zsolnay Verlag zum umsatzstärksten literarischen Haus Österreichs aufstieg.

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Mittwoch, 25.11.2026, 18:30 Uhr

Alexander Peer | Ö1 Club

Ein Gleichnis über Barmherzigkeit. Über Leben und Werk von Leo Perutz
mit besonderem Blick auf den Schwedischen Reiter

Der österreichische Schriftsteller und Essayist Alexander Peer (geboren 1971) nähert sich dem Schaffen von Leo Perutz aus der Perspektive des literarischen Praktikers. In seinem Vortrag seziert er die existenzielle Tiefenstruktur dieses Prosa-Universums.

Für Peer sind Perutz' Romane keine reinen historischen Unterhaltungsstücke, sondern mathematisch präzise konstruierte Moralitaten, die fundamentale Fragen nach Schuld, Schicksal und Gnade verhandeln. Peer arbeitet in seiner Analyse heraus, dass Perutz’ Welten an die optischen Täuschungen eines M. C. Escher erinnern. Sie sind geprägt von bizarren Fügungen und unzuverlässigen Erzählern, denen der Leser niemals blind vertrauen darf. Hinter diesem spannungsgeladenen, magischen Realismus verbirgt sich jedoch stets das tragische Aufbegehren des Individuums gegen ein unerbittliches Schicksal. Die Figuren bei Perutz sind fast immer Getriebene, die in den unbarmherzigen Zahnrädern der Geschichte, des Geldes und der Macht zerrieben werden.

Im Zentrum von Peers Betrachtungen zur Barmherzigkeit steht der 1701 im schlesischen Winter spielende Roman Der schwedische Reiter.

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Donnerstag, 26.11.2026, 18:30 Uhr

Ulla Remmer | Ö1 Club

Das Schaufenster. Leo Perutz und die Bestseller seiner Zeit

Mit ihrem Buch Das verlorene Vis-à-Vis am Opernring. Eine Gesellschaftsgeschichte des Heinrichshofs in Wien hat die Wiener Autorin, Buchhändlerin und Sprachwissenschaftlerin Dr. Ulla Remmer eine beeindruckende Tiefenbohrung in die Wiener Stadtgeschichte unternommen. Erschienen im Mandelbaum Verlag, widmet sich das fundierte Werk jenem prachtvollen, von Theophil Hansen entworfenen Gründerzeitbau, der fast neun Jahrzehnte lang vis-à-vis der Wiener Staatsoper als urbanes und soziales Zentrum erstrahlte, bevor er im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

Die Verbindung zum literarischen Leben Wiens ist dabei eng mit Remmers eigener Biografie verwoben: Ihr Großvater leitete einst die traditionsreiche k.u.k. Hofbuchhandlung Franz Leo & Comp. im Heinrichshof – jenes Geschäft, das sie heute gemeinsam mit ihrer Schwester Susanne am Wiener Lichtensteg als Buchhandlung Leo weiterführt.

Ausgehend von dieser Kenntnis des historischen Wiener Buchhandels beleuchtet Ulla Remmer, die an der Universität Zürich promovierte und an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) forschte, das vielschichtige Verhältnis des Prager und Wiener Erzählers Leo Perutz zum Buchmarkt seiner Zeit. Perutz, Meister des phantastischen historischen Romans, war nicht nur Mathematiker und Versicherungsstatistiker, sondern auch ein scharfer Beobachter des literarischen Betriebs der Zwischenkriegszeit. In einer Ära, die von rasanten Umbrüchen, Hyperinflation und politischer Instabilität geprägt war, bewegten sich Autoren im Spannungsfeld zwischen künstlerischem Anspruch, feuilletonistischer Vernetzung und wirtschaftlicher Notwendigkeit. Remmers Perspektive verbindet auf einzigartige Weise die wissenschaftliche Akribie der Archivforschung mit der praxisnahen Erfahrung einer Buchhändlerin, um zu zeigen, wie Perutz' Werke in diesem dynamischen Markt positioniert, vertrieben und von der Wiener Leserschaft aufgenommen wurden.

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Freitag, 27.11.2026, 18:30 Uhr

Doron Rabinovici | Ö1 Club

Wohin oder Der Preis der Nacht. Ein Nocturno für Leo Perutz

Doron Rabinovici gewährt Einblick in seine persönliche Sicht auf den Meister des phantastischen Romans: Flüchtete Perutz bloß ins Phantastische, ins Mystische, so könnte er uns nicht derart verstören. Er aber bringt die unterdrückten, unbewussten Momente zutage, weil unklar bleibt, ob er vom Jenseitigen spricht oder von dieser, unserer Welt; von einem Ort, der keine Gewissheiten bietet, findet Doron Rabinovici. Perutz literarisches Prinzip ist voller Ironie und Raffinesse.

Der Historiker und Literat Doron Rabinovici wurde in 1961 in Tel Aviv geboren und lebt seit 1964 in Wien. Rabinovici schrieb Sachbücher, Romane, Kurzgeschichten, Essays und Theaterstücke. Als Public Intellectual prägt er in herausragender Weise Debatten zur Erinnerungskultur, Extremismen und den internationalen Antisemitismus. Für das Burgtheater gestaltete Rabinovici 2013 das Projekt Die letzten Zeugen mit Überlebenden der Shoah. 2018 schrieb er die Text Collage Alles kann passieren! für das Burgtheater. Weitere wichtige Werke sind u.a.: Instanzen der Ohnmacht. Wien 1938-1945. Der Weg zum Judenrat (Jüd. Verlag – 2000); Andernorts. Roman (Suhrkamp – 2010); Die Einstellung. Roman (Suhrkamp – 2022); Die letzten Zeugen. Theaterprojekt gem. mit Matthias Hartmann. Zuletzt erschien Der siebente Oktober. Ein Lesedrama im Suhrkamp Theaterverlag.

Portrait @Lukas Beck | Wohin oder Der Preis der Nacht. Ein Nocturno für Leo Perutz [S. 22-47] aus: Doron Rabinovici, Credo und Credit. Einmischungen © 2001, Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin. Vielen Dank für die Abdruckgenehmigung.