Gezählte Tage, gewürfeltes Glück - Eine Vortragsreihe
Samstag, 21.11.2026, 18:30 Uhr
Der schwedische Reiter – Leo Perutz und der moderne Roman
Der Hamburger Germanist Prof. Dr. Hans-Harald Müller (geboren 1943) gilt als der weltweit profundeste Kenner von Leben und Werk des Autors Leo Perutz. Von 1977 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2008 lehrte und forschte er als Professor am Literaturwissenschaftlichen Seminar der Universität Hamburg und nahm in dieser Zeit zahlreiche renommierte Gastprofessuren im In- und Ausland wahr – unter anderem an der Washington University sowie am St John’s College in Cambridge. Müllers jahrzehntelange Forschungsarbeit war maßgeblich dafür verantwortlich, das literarische Erbe von Leo Perutz kritisch aufzuarbeiten und neu zu bewerten. Als maßgeblicher Herausgeber der Werkausgabe des Prager Autors und Verfasser der maßstabsetzenden, 2007 bei Paul Zsolnay erschienenen Biografie „Leo Perutz“, befreit er dessen Schriften aus der reinen Nische der „phantastischen Literatur“ und ordnet sie präzise in die Dynamiken des historischen Buchmarkts ein. Sein methodischer Ansatz zeichnet sich
dabei durch eine sachliche, streng quellenbasierte Archivforschung aus, die ohne spekulative Lückenfüller auskommt und stattdessen die historischen Dokumente selbst sprechen lässt.
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Sonntag, 22.11,2026, 18:30 Uhr
Identitätspluralismus: Von Drang und Last, mehr als eines zu sein
Der Philosoph, Kunstkritiker und Kurator Dr. Klaus Speidel beschäftigt sich mit der Erforschung, wie Künstliche Intelligenz unsere Kunst, visuelle Kultur und Gesellschaft transformiert. Nach seinem Studium in München und Paris sowie einer Promotion an der Sorbonne fließen seine theoretischen Erkenntnisse heute in die angewandte Spitzenforschung ein. Am Austrian Institute of Technology (AIT) leitet er als Kurator das innovative Programm artloop. Diese Initiative bündelt Kompetenzen an der Schnittstelle von Technologie, Kreativität und Gesellschaft. Ziel ist es, durch „Art Thinking“ und künstlerische Methoden komplexe wissenschaftliche Themen wie generative KI, digitale Transformation und Dekarbonisierung für die Industrie und Öffentlichkeit emotional und ethisch greifbar zu machen. Um diesen interdisziplinären Austausch auch im öffentlichen Raum zu verankern, gründete er die Wiener KI-Gespräche. In dieser regelmäßig stattfindenden Diskussionsreihe bringt
Speidel Expertinnen und Experten aus Technologie, Philosophie, Kunst und Psychologie zusammen. Parallel zu seiner Diskursarbeit übersetzt Speidel diese Fragestellungen in den physischen Ausstellungsraum. Seine kuratorische Handschrift war und ist in bedeutenden Institutionen zu sehen – so etwa als Co-Kurator der Ausstellung Fragile Schöpfung im Dom Museum Wien, welche die Verletzlichkeit von Natur, Mensch und künstlichen Welten beleuchtet. An der Universität für angewandte Kunst Wien vermittelte Klaus Speidel Studierenden theoretische Werkzeuge zur Bild- und Erzähltheorie im digitalen Zeitalter und schlug damit eine Brücke zwischen universitärer Lehre, musealer Praxis und technologischem Fortschritt.
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Montag, 23.11.2026, 18:30 Uhr
Leo Perutz im Exil
Die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Caitlin Gura lebt in Wien. Sie ist seit 2018 am Jüdischen Museum Wien tätig, seit 2023 als Kuratorin. Aktuell zeigt das Museum die von ihr kuratierte Ausstellung Heimatlos: Wiener Juden im Exil. In dieser am Judenplatz beheimateten Schau wählt Gura einen bewusst intimen, stark personenzentrierten Ansatz. Anstatt die oft erzählten, glanzvollen Erfolgsgeschichten prominenter Emigranten in den Vordergrund zu stellen, rückt sie die schmerzhafte Realität des Heimatverlusts und die oft fragmentierten Lebenswege ganz normaler Wiener Jüdinnen und Juden ins Rampenlicht. Für das Projekt spürte Gura in jahrelanger, weltweiter Recherchearbeit private Familienarchive auf und brachte Alltagsgegenstände, Fluchtdokumente und persönliche Korrespondenzen von Nachfahren aus den USA, Israel und Europa erstmals wieder zurück nach Wien.
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Dienstag, 24.11. 2026, 18:30 Uhr
Herbert Ohrlinger
im Gespräch
Leo Perutz und der Paul Zsolnay Verlag
Der langjährige Verlagsleiter des Zsolnay Verlags hat sich wie kaum ein anderer um die nachhaltige Wiederentdeckung von Leo Perutz Werk in den letzten Jahrzehnten verdient gemacht. Er erzählt von seiner Leidenschaft für den Autor und von dessen wechselvoller Beziehung mit seinem Wiener Verlagshaus. Als Paul Zsolnay 1924 ebendort seinen belletristischen Verlag gründete, tat er dies mit dem Ziel, der österreichischen Literatur eine weltweite Stimme zu geben. Zu den ersten Autoren, die er unter Vertrag nahm, gehörte der bereits etablierte Wiener Schriftsteller und studierte Versicherungsmathematiker Leo Perutz. Perutz war für seine meisterhaften, mathematisch präzise konstruierten Romane des phantastischen Realismus bekannt, in denen historische Kulissen mit psychologischen Vexierspielen verschwammen. Bei Zsolnay fand Perutz eine verlegerische Heimat, die seine Werke kongenial betreute. Romane wie Wohin rollst du, Äpfelchen ... (1928) oder das
hellseherische Meisterwerk St. Petri-Schnee (1933) festigten Perutz' Ruf als einer der meistgelesenen und erfolgreichsten Autoren der Zwischenkriegszeit, während der Zsolnay Verlag zum umsatzstärksten literarischen Haus Österreichs aufstieg.
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Mittwoch, 25.11.2026, 18:30 Uhr
Ein Gleichnis über Barmherzigkeit. Über Leben und Werk von Leo Perutz
mit besonderem Blick auf den Schwedischen Reiter
Der österreichische Schriftsteller und Essayist Alexander Peer (geboren 1971) nähert sich dem Schaffen von Leo Perutz aus der Perspektive des literarischen Praktikers. In seinem Vortrag „Ein Gleichnis über Barmherzigkeit. Über Leben und Werk von Leo Perutz mit besonderem Blick auf den Schwedischen Reiter“ seziert er die existenzielle Tiefenstruktur dieses Prosa-Universums. Für Peer sind Perutz' Romane keine reinen historischen Unterhaltungsstücke, sondern mathematisch präzise konstruierte Moralitaten, die fundamentale Fragen nach Schuld, Schicksal und Gnade verhandeln. Peer arbeitet in seiner Analyse heraus, dass Perutz’ Welten an die optischen Täuschungen eines M. C. Escher erinnern. Sie sind geprägt von bizarren Fügungen und unzuverlässigen Erzählern, denen der Leser niemals blind vertrauen darf. Hinter diesem spannungsgeladenen, magischen Realismus verbirgt sich jedoch stets das tragische Aufbegehren des Individuums gegen ein unerbittliches Schicksal. Die Figuren
bei Perutz sind fast immer Getriebene, die in den unbarmherzigen Zahnrädern der Geschichte, des Geldes und der Macht zerrieben werden. Im Zentrum von Peers Betrachtungen zur Barmherzigkeit steht der 1701 im schlesischen Winter spielende Roman „Der Schwedische Reiter“.
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Donnerstag, 26.11.2026, 18:30 Uhr
Das Schaufenster. Leo Perutz und die Bestseller seiner Zeit
Mit ihrem Werk Das verlorene Vis-à-Vis am Opernring. Eine Gesellschaftsgeschichte des Heinrichshofs in Wien hat die Wiener Autorin, Buchhändlerin und Sprachwissenschaftlerin Dr. Ulla Remmer eine beeindruckende Tiefenbohrung in die Wiener Stadtgeschichte unternommen. Erschienen im Mandelbaum Verlag, widmet sich das fundierte Werk jenem prachtvollen, von Theophil Hansen entworfenen Gründerzeitbau, der fast neun Jahrzehnte lang vis-à-vis der Wiener Staatsoper als urbanes und soziales Zentrum erstrahlte, bevor er im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Die Verbindung zum literarischen Leben Wiens ist dabei eng mit Remmers eigener Biografie verwoben: Ihr Großvater leitete einst die traditionsreiche k.u.k. Hofbuchhandlung Franz Leo & Comp. im Heinrichshof – jenes Geschäft, das sie heute gemeinsam mit ihrer Schwester Susanne am Wiener Lichtensteg als Buchhandlung Leo weiterführt. Ausgehend von dieser Kenntnis des historischen Wiener Buchhandels beleuchtet Ulla Remmer, die
an der Universität Zürich promovierte und an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) forschte, das vielschichtige Verhältnis des Prager und Wiener Erzählers Leo Perutz zum Buchmarkt seiner Zeit. Perutz, Meister des phantastischen historischen Romans, war nicht nur Mathematiker und Versicherungsstatistiker, sondern auch ein scharfer Beobachter des literarischen Betriebs der Zwischenkriegszeit. In einer Ära, die von rasanten Umbrüchen, Hyperinflation und politischer Instabilität geprägt war, bewegten sich Autoren im Spannungsfeld zwischen künstlerischem Anspruch, feuilletonistischer Vernetzung und wirtschaftlicher Notwendigkeit. Remmers Perspektive verbindet auf einzigartige Weise die wissenschaftliche Akribie der Archivforschung mit der praxisnahen Erfahrung einer Buchhändlerin, um zu zeigen, wie Perutz' Werke in diesem dynamischen Markt positioniert, vertrieben und von der Wiener Leserschaft aufgenommen wurden.














