Online Merker, 02.09.2020, Karl Masek

WIEN / sirene Operntheater: “Die Verbesserung der Welt“: Ein Kammeropern-Festival mit sieben Uraufführungen startet im „F23“ in der Breitenfurter Straße
Über den 1. Abend am 01.09. 2020

„Hunger stillen; Durst löschen; Nackte bekleiden; Fremde aufnehmen; Kranke besuchen; Gefangene besuchen; Tote begraben – Der Auftrag an die Autoren war, eine Geschichte zu einem der 7 Werke der Barmherzigkeit in unserer Zeit anzusiedeln … In fast allen Kulturen gibt es Tugendreihen, die das Bild eines idealen Menschen beschreiben. Das Besondere an der Tugend ist, dass sie bei aller Dringlichkeit der Empfehlung doch eine freiwillige Handlung bleibt, die das Gute zu einer persönlichen Entscheidung macht, zum Hinauswachsen über das Gesetz aus Pflichten und Verboten. Insofern ist Tugend so etwas wie Schönheit – sie ist nicht notwendig, aber sie ist ein entscheidender Schritt aus dem Minimum des Existierens in die Freiheit und Selbstbestimmtheit des Geistes. Damit ist sie ein Modellfall der aufgeklärten Souveränität des Menschen, die seine Würde und Persönlichkeit begründet …“, so das SIRENE OPERNTHEATER in einem Vorwort zum Projekt Die Verbesserung der Welt.
„Tugend“ oder „tugendsames Verhalten“ klingt für den ersten Moment so ziemlich aus der Zeit gefallen. “Barmherzigkeit“ kann man auch so verstehen, davon ausgehend, dass sich Reiche und Mächtige den Armen bestenfalls halbherzig und  „von oben herab“ zuwenden.  Und es sind doch eigentlich nur Antwortversuche auf Skandale. Da war ein gewisser Victor Hugo schon 1849 bei einer Rede vor der Französischen Nationalversammlung radikaler, sprich an die Wurzel der Problematik gehend: „Ich gehöre nicht zu jenen, meine Herren, die glauben, das Leid aus der Welt schaffen zu können. Aber ich gehöre zu jenen, die überzeugt sind und darauf bestehen, dass man das Elend aus der Welt schaffen kann. …nicht verringern, mindern, begrenzen … aus der Welt schaffen!“ Das Wort „Gutmensch“ ist wiederum zu einem Schimpfwort mutiert. Neid- und Solidaritäts-Debatten bestimmen einen Welten-Diskurs,  der (vom Hunger und Armut in aller Welt,  der Flüchtlings-, der Klimakrise bis hin zum derzeit alles beherrschendem Corona-Thema an Härte, an Verrohung immer mehr zuzunehmen scheint.
Opern darüber? Jury Everhartz und Kristine Tornquist, Partner in der Kunst und im Leben, haben vor ca. 22 Jahren das Sirene-Operntheater gegründet, um jedes Jahr neue, politisch und gesellschaftlich relevante Opernproduktionen herauszubringen. „Oper bleibt das größte Abenteuer“, so titelte die Wochenzeitschrift „FALTER“ in der Ausgabe vom 25.8. ein Interview mit den beiden. Gerade auch das Abenteuer „Uraufführungen“ ist gemeint, bei denen man sich ausschließlich auf das Stück konzentrieren könne und nicht wie in der klassischen Oper immer vor der Herausforderung stünde, etwa in der „Zauberflöte“ etwas zu zeigen, was es „so“ noch nicht gegeben hat.
Vor allen 7 Uraufführungen (Premieren und jeweils 3 Reprisen, Termine siehe unten) gibt es Gesprächsreihen, mit dem Übertitel „Kein Erbarmen!“ Zusammengestellt von Sven Hartberger, einem Urgestein der Freien Opernszene und beim Klangforum Wien. So die Ankündigung. War ja nicht schlecht, die Idee, das vielleicht in einer Art „Club 2“ (mit Publikumsbeteiligung) ablaufen zu lassen. Doch was wurde daraus? Ein Monolog in Vorlesungsform (Herr Hartberger hört sich sehr gerne reden!), nach so 35, 40 Minuten die „rhetorische Frage“:  Nun sei auch das Publikum dran, etwas beizutragen oder Fragen zu stellen. Keine Hand rührte sich, Schweigen im Walde. Worauf Hartberger die „Gesprächsreihe“ kurzerhand für beendet erklärte und für die knappe dreiviertel Stunde bis zum Vorstellungsbeginn auf das Büffet verwies (!). Ein peinlicher Auftritt!
Endlich zur Oper „Ewiger Friede“. Der Inhalt: Eine Frachtkiste wird ins russische Bestattungsinstitut geliefert. Es handelt sich dabei um Cargo200, so die Bezeichnung für  militärische Tote. Die beiden Bestatter Schukow und Schukin verständigen die Witwe des Soldaten Sergej, Anastasia, und machen sich für die übliche Arbeit bereit. Dabei assistiert eine allegorische Figur, der Tod (hier weiblich).Doch dieser Tote ist kein gewöhnlicher Fall. Denn er ist in einem Krieg gefallen, den es gar nicht gibt. Zum Schrecken der Pompfuneberer richtet sich Sergej aber in dem Sarg auf, um eine Schlachtsituation zu schildern. Die Bestatter drücken die „lebendige Leiche“ in den Sarg zurück und verschließen ihn. Die Witwe sieht nach einem Gespräch mit der „Obrigkeit“ keinen Bedarf für ein würdiges Begräbnis. Eine skurrile Geschichte, die von Gogol stammen könnte (Libretto: Dora Lux).
Kristine Tornquist liefert eine gekonnte Inszenierung ab. Souveräne Personenführung in minimalistischem Ambiente. Eine riesige Truhe, aus der die Protagonisten immer wieder überraschend auftauchen.  Der Tod präsentiert „aus der Kollektion“ verschiedenste Särge in allen Größen und Farben. Zwei Sessel, ein Tischchen, ein Wandtelefon. Ein Uralt-Fernsehapparat, aus dem ein vergreister Präsident (eine Art „Stalin in Mumienform?) spricht. Die beiden Pompfuneberer: subalterne Beamtenkarikaturen. Absurde Komödiantik kippt im Laufe des 65 Minuten dauernden Abends ins Unheimliche mit Gänsehaut-Effekt.
Das Atout des Abends war jedoch die kompositorische Umsetzung durch Alexander Wagendristel, Wiener des Jahrgangs 1965. Sein Gefühl für dieses besondere Sujet erinnert an  einen berühmten Ausspruch (war es Helmut Qualtinger oder Georg Kreisler?): „Der Tod, das muss ein Wiener sein“. Der gelernte Flötist spielt mit Rastelli-hafter Geschicklichkeit mit den Klangfarben, den Rhythmen, hat Sinn für Situationskomik in der Musik sorgt für Spannung und subtilen Nervenkitzel, weil er die thrillerhafte Entwicklung der Geschichte „miterzählt“.
Das Ensemble bestach durch choreografische Bewegungsgenauigkeit, perfekte mimisch-gestische Umsetzung und stimmliche Authentizität. Die beiden Bestatter Robert Chinois (Schukow) und Evert Sooster (Schukin) hatten Synchronschwimmer-hafte optische und stimmliche Bass-Eleganz, Gebhard Heegmann hatte als untoter Sergej eine gruselige Szene (markanter Bariton) und zeigte als Uraltpräsident stupende Wandlungsfähigkeit. Tehmine Scheffer war die junge Witwe Anastasia mit ausbaufähigem Sopran. Und in der allgegenwärtigen stummen Rolle des Todes zeigte Bärbel Strehlau packende Bühnenpräsenz.
Das 12-köpfige  Ensemble Reconsil spielte alle Nuancen der Komposition fein aus. Die blutjunge Dirigentin Antanina Kalechyts gab mit ihrem souveränen, schlagtechnisch versierten Dirigat eine gelungene Talentprobe.
Dieser Beginn macht neugierig auf die weiteren „6 Runden“ (Und vielleicht gibt es in der Folge wirkliche Gesprächsreihen und keine Vorlesungen!). Nach dem lakonischen Motto des Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes – außer man tut es!“

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