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Irene Montjoye über ihr Buch "Maria Theresias Türkenkind"

Die Geschichte der Anna Maria Königin (1732 bis 1803) ist bei ihren Nachfahren seit zweihundert Jahren von Mund zu Mund gegangen. Elisabeth Gerhardus Chiari hat sie von ihrer Tante Trude Steiner (1896 – 1996) erfahren und alle darüber noch erhaltenen Schriften bekommen. Sie hat mir diese Dokumente anvertraut, damit ich die Geschichte hier erzählen kann. Anna Maria hat ihren Kindern gern und oft die abenteuerliche Geschichte ihrer Entführung als kleines Mädchen irgendwo an der Küste des Schwarzen Meeres erzählt und auch über ihre Zeit als Sklavin im Haus eines Kaufmanns in Constantinopel, wie die Stadt Istanbul damals genannt wurde. Sie hat erzählt, wie sie im Jahr 1745 entlaufen ist und wie sie von den Trinitariermönchen losgekauft und nach Wien gebracht wurde, wo sie Ziehtochter der Kaiserin Maria Theresia geworden ist.
Dem Trinitarier-Pater Quirin de Leuw aus dem Kloster Vorderbrühl bei Wien verdanke ich die Geschichte seines Ordens, der im Rahmen von Verträgen zwischen dem Habsburger und dem Osmanischen Reich Sklaven losgekauft und den Austausch von Gefangenen vermittelt hat. Den Beinamen Königin oder Regina hat Anna Maria erst in Wien erhalten, weil sie ihren Familiennamen nicht gekannt hat. Ihre jüngste Tochter, die 1763 geborene Theresia Elisabeth genannt Elise, später verehelichte Dierkes, hat diese Erzählungen bis zu ihrem Lebensende aus der Erinnerung fein säuberlich in ein Schulheft geschrieben und auch sonst alles gesammelt und aufgezeichnet, was sie über ihre Mutter und ihren Vater Johann von Mohrenheim finden konnte. Dabei ist es ihr wie vielen Familienchronisten gegangen: sie hat sich mit der Lebensgeschichte ihrer Eltern viel zu spät befasst; beide waren längst tot und konnten nichts mehr ergänzen oder erklären. So hat Elise Dierkes die Erzählungen ihrer Mutter und ihres Vaters grossteils aus der Erinnerung rekonstruieren müssen, und sie hat das so getan, dass die Familie stolz auf ihre Altvordern sein konnte, hat also ergänzt, weggelassen, beschönigt und die Ereignisse so dargestellt, wie es dem Selbstverständnis einer noblen österreichischen Beamtenfamilie der Biedermeierzeit entsprach...
Das erste Mal habe ich diese Geschichte in Seewalchen am Attersee gehört, ausgerechnet in jenem Haus, in dem Franz Karl Ginzkey (1871-1963) die Verserzählung von Hadschi-Bratschis Luftballon geschrieben hatte. Ginzkey hatte sich während der Sommerfrische des Jahres 1904 in der Villa Gerhardus diese Geschichte des Kinder stehlenden Bösewichtes ausgedacht, jenes Türken aus dem Türkenland, der arme kleine Kinder raubt und in die Sklaverei verschleppt. Später ist er dann zum Zauberer aus dem Morgenland geworden, der über einen
geographisch nicht näher beschriebenen Wüstensand fliegt, wie ja auch die Menschenfresser der Erstauflage in der Ausgabe von 1947 sich in Affen verwandelt haben. Das mag ein Ausdruck einer frühen political correctness gewesen sein – doch auch Anna Marias Geschichte steht im Gegensatz zu jenem türkischen Feindbild, das noch Mitte des 18. Jahrhunderts die Beziehungen der Habsburger zu den Osmanen geprägt hat. Denn während damals im Westen Europas die Faszination des geheimnisvollen, märchenhaften Orient überwog, wurden in österreichischen Landen immer noch Schauergeschichten von den brutalen, lüsternen Türken erzählt. Durch Anna Maria begegnen wir aber auch rücksichtsvollen, grosszügigen und gerechten türkisch-muslimischen Sklavenhaltern und Richtern – und dafür einigen bösartigen und geldgierigen Christen.
1745, in jenem Jahr, in dem Anna Maria etwa fünfzehnjährig in einem schönen türkischen Kleid – einem Geschenk jener Türkin, bei der sie als Sklavin gedient hat – in Wien die feierliche Prozession der losgekauften Sklaven anführt, entsteht ein Bild, das die Kaiserin Maria Theresia in einem türkischen Kleid darstellt. Ein Bild mit Geschichte: der Genfer Maler Jean Etienne Liotard (1702-1789) hatte fünf Jahre in Constantinopel gelebt, bevor er nach Wien kam, wo er vor allem die kaiserlichen Kinder in Aquarellen porträtierte.Er hat die Radierung einer dame franque, einer Fränkin, wie man europäische Frauen damals in der Türkei nannte, mit der Bemerkung versehen, sie wäre aus Pera, türkisch Beyoglu, jenem vornehmen Stadtteil von Constantinopel, der auch in Anna Marias Geschichte eine Rolle spielt. Die Dame und das hinter ihr stehende Mädchen erwarten Besuch und tragen reiche türkische Gewänder. In dem später entstandenen Aquarell hat Liotard den abgebildeten Gestalten die Gesichtszüge der Kaiserin Maria Theresia und ihrer ältesten Tochter Maria Anna verliehen... Elise zufolge haben Anna Maria und Johann, Eltern von zehn Kindern, eine vergnügte Ehe geführt. Ich nehme an, es wäre ihnen recht gewesen, dass ihre Geschichte hier erzählt wird – vor dem historischen Hintergrund, der ihr Leben bestimmte.