Mein neuester Roman

Im Februar 1936, mehr als acht Monate vor Erscheinen seines neuen Romans Der schwedische Reiter informierte die Wiener Tageszeitung Das Echo (Jg. 3, Nr. 32, 8. 2. 1936, S. 6) über eine Lesung, auf der Perutz den Roman vorstellte.

Mein neuester Roman
von Leo Perutz

Ich arbeite an einem Roman, der "Der schwedische Reiter" heißen wird und um die Person Karls XII. von Schweden spielt. Aber Karl XII. selbst tritt nicht auf, es ist von ihm nur immer wieder die Rede in dem Buch, in Haß oder Bewunderung. Nicht er mit seinem abenteuerlichen Heimritt von Adrianopel nach Stralsund hat dem Werk den Namen gegeben, sondern "Schwedischer Reiter" heißt der Held des Romans um seines blauen schwedischen Rockes willen, in dem er als Kurier auf dem Gutshof aufgetaucht ist, der (mit viel Freude an Irdischem) Schauplatz der Geschichte wird. Ein Geheimnis umgibt den Reiter, das kaum ahnungsweise von seinem Kind, seiner Tochter, erfaßt wird, deren Tagebuch vierzig Jahre später schattenhaft die Zeit heraufbeschwört, da der Vater zum Fenster herein dem halbwachen Kinde Märchen vorsprach.

Dann bricht nach wenigen Seiten das Tagebuch ab und die zurückliegende Handlung wird als gegenwärtig erzählt, von jenem Augenblick an, da zwei Menschen ihr Leben, ihr gesamtes Dasein untereinander austauschen, ja wirklich, in einer verfallenen Mühle ihre Personen miteinander vertauschen, der eine: der Dieb, der Gottesräuber, der Namenlose, der schwedische Reiter, wie er abwechselnd genannt wird, und der andere: der junge Edelmann, der zum Heer Karls XII. stoßen will, Niedergang und Niederlage miterlebt und bei Pultawa fällt.

Ich bin ja mit dem Buch etwa zu zwei Drittel soweit fertig, der Plan geht bis ins Jahr 1928 zurück, und seit 1934 arbeite ich beständig daran. Im April hoffe ich fertig zu werden.

Mit seiner ungekünstelten Vortragsweise, die am besten der Kunst seines Stils gerecht zu werden vermag, liest der Dichter einige Kapitel aus dem Manuskript, von dem seltsamen Gericht zum Beispiel, das dem „Dieb“ für immer die Wohltat der Beichte verwehrt, oder eine wunderbare Szene von den Zweifeln, die die Gattin und Gutsherrin befallen, der der schwedische Reiter Gut, Geld, Jugendliebe wiedergegeben hat, und antwortet dann auf die Fragen über das Rätsel der Wirkung des gesprochenen und geschriebenen Wortes:

„Der historische Roman hat immer wieder an der Papiersprache gekrankt, die man ihm aufgezwungen hat. Ein Drittel seiner Sprachkunst mag historisches Sprachgut sein: Sprache der Zeit, in der er spielt; ein anderes Drittel Sprachgeist der Personen, die handeln und sprechen; und der Rest ist Rhythmus, immer wieder Rhythmus und Musikalität. Aber das ist ja alles wieder nur Theorie. Praktisch gesprochen, könnte ich es kaum anders sagen als: ich bemühe mich immer, so zu schreiben, wie meine Großmutter mir Geschichten erzählt hat.

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Vielen Dank an Hans-Harald Müller, der uns auf diesen Artikel aufmerksam machte und ihn zur Verfügung stellte.