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Der Bucklige

Musik. Jury Everhartz
Text. Kristine Tornquist

Ein Buckliger. Armin Gramer
Ein chinesischer Schneider. Dan Chamandy
Die Frau des Schneiders. Cathrin Chytil
Ein jüdischer Arzt. Richard Klein
Die Dienerin des Arztes. Solmaaz Adeli
Ein muslimischer Bäcker. Richard Helm
Ein christlicher Gelehrter. Johann Leutgeb
Der Nachtwächter / Der Henker. Jens Waldig
Der Kaiser von China. Dimitrij Solowjow
Diener des Kaisers von China. Benedikt & Gaban Büllingen

Leben
Der Bucklige wird zum Trinken eingeladen, weil ein chinesisches Ehepaar sich auf seine Kosten einen Spass machen will. Das Fest ist derb und feuchtfröhlich. Prompt erstickt der Bucklige an einem Fisch, den sie ihm übermütig in den Mund stopfen. Das Problem – der tote Körper - wird zum Nachbarn verschoben. Auf diese Weise gerät der Bucklige zum jüdischen Arzt, in die Backstube eines muslimischen Bäckers und unter die Schläge eines aufgebrachten Christen. Scheinbar machen sich alle Religionen der Region über den armen wehrlosen Körper her. Die Geschichte könnte man sich gut in einer der Städte an der Seidenstrasse - die in China im übrigen Glasstrasse heisst – vorstellen. Auf engem Raum und, weil wohlhabend, in friedlicher Toleranz lebten unterschiedliche Kulturen und Religionen nebeneinander. Ein idealer Nährboden für ein Kabarett der kulturellen Klischees. Der Jude ist geldgierig und fromm, der Muslim zwar jähzornig, aber auch weichherzig, der Christ aggressiv und feige. Das Unglück, das den Buckligen und alle, die mit ihm in Berührung kommen, trifft, wird in letzter Sekunde systematisch wieder wieder aufgehoben. Damit ist die Geschichte des Buckligen eine typische Komödie - am besten lacht man über das Pech einer Figur. Je hilfloser sich die Protagonisten ins Netz des Schicksal verwirren, je hilfloser sie darin zappeln, um sich daraus zu befreien, umso besser wirkt das Glück, das sie zuletzt daraus wieder erlösen muss. In unserem Fall ist das Glück ganz schlicht: sie alle dürfen weiter-leben, nachdem sie mit dem Leben abgeschlossen haben. Denn traurig ist das Schicksal derer, die der Tod erfasst wird zur Hymne der Überlebenden. Über den Tod des Buckligen heisst es: Ein Wunder ist jeglicher Tod, doch sein Tod ist es wert, in goldener Tinte aufgezeichnet zu werden. Denn auch der tote Bucklige darf zum Gaudium aller ins Leben zurückkehren. Wir haben für das Libretto nur den kleinsten Teil dieser Humoreske - die Rahmenhandlung - verwendet, deren berühmteste Figur der indiskrete und geschwätzige Barbier von Bagdad ist..

Der Bucklige - Inhalt
Ein betrunkener Buckliger torkelt über die Strassen, ein chinesisches Paar läd ihn zu sich ein, dabei erstickt der Bucklige an einem Fisch. Die Gastgeber, ein chinesisches Schneiderpaar, wollen die Leiche loswerden und legen sie einem jüdischen Arzt vor die Tür. Der Arzt, der den angebotenen Dinar verdienen will, stolpert im Dunkeln über den Toten und hält sich selbst für schuldig an dessen Tod. Auf Rat seiner Dienerin lässt er die Leiche leise in den Hof des muslimischen Nachbarn hinunter. Der wiederum, ein Bäcker, schlägt dem vermeintlichen Fettdieb die Pfanne über den Kopf. Auch er hält sich selbst entsetzt für den Mörder, schleppt die Leiche in eine unbelebte Strasse und lehnt ihn an einen Baum. Ein betrunkener christlicher Schreiber glaubt in ihm einen lauernden Strassenräuber zu erkennen und traktiert den Wehrlosen mit Schlägen, bis er vom Nachtwächter dabei ertappt wird. Der Schreiber soll als Mörder gehenkt werden, zumal der Bucklige ein Freund des chinesischen Kaisers war. Doch dazu kommt es nicht. Der Muslim, der Jude und die Chinesen entlasten ihn und sich hintereinander gegenseitig. Kurz bevor das Todesurteil am Ersten in der Kette – dem chinesischen Schneider - vollstreckt werden soll, entdeckt der Henker, dass es gar keinen Grund für ein Todesurteil gibt. Der Bucklige lebt, man muss ihm nur die Fisch wie einen Korken wieder aus dem Hals ziehen. Ende gut, alles gut.

Jury Everhartz über seine Komposition
Dass Musik in den letzten 250 Jahren zunehmend weniger funktional gebraucht wurde, hat unser autonomes Verständnis von ihr massgeblich geprägt. Zuletzt wurde und wird von ihr meist erwartet,  dass sie einsame, innere, sonst nicht zugängliche Bereiche des Erlebens oder (in der Oper) der Motivationen ihrer Charaktere blosslegt, von den Absichten einer Figur oder den geheimen Gedanken eines Komponisten zu berichten weiss oder von der lyrischen condition humana erzählt, kurz gesagt, Unsichtbares hörbar macht. Ich halte das nur für eine der vielen möglichen Funktionalisierungen, um die  es oft geht, wenn vom Verständnis von Musik die Rede ist. Es ist nicht meine Idee von Musiktheater, absolut zu komponieren, mir ist der Text, die Idee eines Stückes, die Arbeit an der Umsetzung mindestens so wichtig wie die Arbeit an der Musik, die nicht überzeitlicher oder historischer ist (manchmal sagen Gegensätze das Gleiche) als die Kunst der Inszenierung oder der Darstellung.
Der Fokus der Geschichte vom Buckligen liegt in meiner Lesart auf der Erzählung dieser Geschichte selbst. Eine Satire auf die Dummheit der Welt, in der trotz aller vier Himmelsrichtungen (der buddhistische Schneider, der jüdische Arzt, der muslimische Bäcker und der christliche Gelehrte), trotz der enzyklopädischen Vollständigkeit des denkbar unterschiedlichen Personals, alle von derselben Angst getrieben immer dieselben Fehler machen und sie mit denselben Reflexen wieder gutzumachen versuchen. Nur wer die ewige Wiederholung versteht, das Überindividuelle, kommt in den Genuss des grossen Festmahl. Und nur wer die Dummheit versteht, wird weise. Die Hauptfigur der Erzählung ist ein Toter, und auch die anderen Typen der Geschichte sind keine Personen mit Absichten, Vorlieben oder Leidenschaften. Aus diesen Überlegungen heraus habe ich versucht, eine Musik zu machen, die der Situation der Geschichte gerecht wird: Musik zu einem holzgeschnitzten Comic,  mit lustigen Typen, illustrativ, schnell erkennbar und präzise, klar gestaltet, aber absichtslos und ohne Zeichnung psychischer Zusammenhänge. Eine typische Musik mit so vielen Wiederholungen wie die Geschichte in den immergleichen Variationen aufweist. Es gibt nichts wirklich Neues gibt auf der Welt. Die Musikhistoriker nannten das einmal Neoklassizismus, aber vielleicht braucht die Kunst nicht soviel chronischen oder anachronistischen Akademismus. Hoffentlich ist diese Musik nachvollziehbar, hat den Witz des Lebens und die Weisheit der einfachsten Lösung, die immer die abwegigste ist. Und hoffentlich hilft sie dem Verständnis der Geschichte.

Kristine Tornquist vor der Komposition zum Komponisten:
Lieber Jury, ich hab darüber nachgedacht, was du gestern zum Buckligen gesagt hast. Wenn wir davon ausgehen, dass der Bucklige die tragische Hauptrolle innehat und herzlos und gedankenlos vom einen zum anderen weitergewurstelt wird und für alle nur eine Last und eine Art Sondermüll bedeutet, so folgt für mich zweierlei Detail.
Erstens muss die Einladung des Schneiderehepaars bereits etwas Boshaftes oder zumindestens Gefühlloses haben: sie laden ihn ein, nachdem sie sich bereits lustig gemacht haben, weil er so klein und hässlich ist - und zu betrunken, um zu bemerken, dass sie nur auf seine Kosten lachen wollen. Der böse Humor des Mittelalters.
Und zweitens muss die Wertschätzung des Kaisers aus China den Spiess erst einmal umdrehen. Plötzlich stellt sich heraus, dass dieser Menschenmüll, den keiner will, der beste Freund des Kaisers von China, des "Königs der Zeit"  war. Das heisst für mich, dass es eine echte Trauerarie sein muss, wenn der Kaiser den Buckligen tot sieht - auch wenn einen das in die Irre führt. Zuletzt wird er ja vom Kaiser auch wieder vergessen bzw nicht gerächt (was ja übrigens auch nicht dasselbe ist!). Ich frage mich, ob es nicht schön wäre, wenn der Bucklige aus dem "Nichts" des Orchesters oder von dahinter herkommt, in seiner torkelnde Auftrittsmusik /-arie den weiten Raum durchquert und als spiegelbildliches Ende dazu, mit seinem Schlusslied wieder im selben "Nichts" verschwindet, wie ein Alien (hihi, weiss, dass du das Wort nicht magst). Dann bliebe allerdings - entgegen deinem Plan - die Gesellschaft unberührt davon zurück. Denn wenn du den Buckligen zum Un-Menschen erklären willst, finde ich nicht ganz passend, wenn ihm zuletzt ein Choral gesungen wird wie einem Auserwählten (Jesus Christus, der Bucklige).
Es grüsst in das Plappern deiner Freundin hinein, Kristine, die Schweigende