Klangpunkte 33 - Herbst 2011

Nie vergessenes Flüchtlingsschicksal

In ihrer eindringlichen Kammeroper „Türkenkind“ erzählen Komponist Wolfram Wagner und Librettistin Kristine Tornquist eine wahre und doch kaum glaubliche Lebensgeschichte.
Wolfram Wagners Kammeroper Türkenkind, ein 70-minütiges Ein-Personen-Stück, das von einem Ensemble aus dreizehn Musikern begleitet wird, basiert auf der historischen Geschichte der Anna Maria Regina nach dem Buch „Maria Theresias Türkenkind“ der aus Wien stammenden Kulturwissenschaftlerin Irène Montjoye. Doch die bildende Künstlerin, Regisseurin, Autorin und erfahrene Librettistin Kristine Tornquist, die das sirene Operntheater mitbegründet hat, beginnt ihren neuesten Operntext ganz am Schluss: Mit der wohlhabenden Witwe Anna Maria von Mohrenheim (1732–1803), die sich am Ende ihres Lebens an ihre packende Reise durch Kulturen und Länder erinnert. Die Erzählung treibt Anna Maria Regina rückwärts durch ihr Dasein, zurück über ihre Hochzeit, ihre Adoption durch die österreichische Kaiserin Maria Theresia, ihre Flucht aus Konstantinopel und ihre Jugendzeit als Sklavin in der Türkei, bis sie in ihrem Bericht wieder dort angelangt ist, wo alles begonnen hat – bei ihrer schutzlosen Existenz als Flüchtlingskind am Schwarzen Meer, den Wirren des Lebens, der Politik und der Religionen ausgeliefert. Und doch voll Hoffnung und Zuversicht, dass es jemanden geben müsse, der sich einer Fremden annähme. Auf der Bühne sind es zwei Engel, die Anna Marias Erinnerungen begleiten und sie zurück an den Anfang ihres Lebens führen.
Kristine Tornquist und Jury Everhartz, der musikalische Leiter des von den beiden gemeinsam geführten sirene Operntheaters, hatten Irène Montjoye kennen gelernt und mit ihr über ihr Buch gesprochen, wie die Librettistin im Interview mit dem Online-Kulturmagazin terz (terz.cc) erzählt. „Die Idee einer Vertonung lag also bereits im Raum und ist dann über Johannes Meissl und die Universität für Musik und darstellende Kunst wieder zu uns zurückgekehrt.“ „Sofort“ freilich seien die beiden auf den geeigneten Komponisten für dieses Sujet gekommen: Wolfram Wagner. „Wir haben beide gesagt, das ist etwas für den Wolfram. Ich weiß, dass der Wolfram hochdramatische Stoffe liebt und ich weiß auch, dass er eine tolle Hand für feine, subtile Vorgänge hat.“ Dabei war die Zeit für die Komposition durchaus knapp bemessen: „Erfahren habe ich von dem Projekt einen Monat, bevor ich das Libretto im November bekommen habe und es war klar, dass ab Mai geprobt wird“, beschreibt Wagner die Situation. „Ich habe davor schon Zeit gehabt, mich darauf einzustellen, das Buch zu lesen und andere Aufträge ein bisschen auf die Seite zu schaufeln, aber ich habe gewusst, in der Zeit wird es dann knapp. Aber ich habe mir die Zeit dann genommen und mich auch ordentlich in das Projekt vertieft. Ich habe da nicht jeden ersten besten Gedanken genommen, sondern habe auch viel wieder weggeschmissen. Und nachdem die zeitliche Vorgabe eine Stunde war und auch das Ensemble relativ klein ist, waren fünf Monate für die Komposition genug.“ Die Besetzung ist überschaubar und reizvoll zugleich: „Neben einem Oud (arabische Laute, Anm.) und Schlagzeug sind es insgesamt dreizehn Instrumente, also Streicher und Bläser. Wenn man das gut setzt, kommt ein schöner orchestraler Klang heraus.“ Dem arabischen Instrument kommt freilich besondere Bedeutung zu: „Der Oud ist fast immer solistisch. Es gibt eine einzige Stelle, in der er wirklich mit dem Orchester zusammen spielt.“ Wegen der dynamischen Beschränkung war besondere Rücksichtnahme erforderlich. „Ich bin ja kein Spezialist in türkischer, arabischer oder persischer Musik“, bekennt Wagner, „aber ich habe mich zur Vorbereitung in dieses Thema vertieft. Kristine hat mir auch ein paar Links gegeben und ich habe mich auch mit den Skalen befasst, um ein bisschen ein Gefühl für die Melodik zu bekommen. Ich wollte keine orientalische Oper schreiben, sondern meine eigene Musik. Ich bin ja ein westeuropäischer Komponist und wollte mich nicht verstellen. Aber ein bisschen orientalischen Einfluss wollte ich auch. Es wird ja auch im Libretto gelegentlich türkisch gesprochen. Das scheint mir gut gelungen zu sein.“
Publikum und Kritik zeigten sich jedenfalls gleichermaßen begeistert von der Uraufführungsproduktion im Schönbrunner Schlosstheater: Zum Libretto von Kristine Tornquist konfektionierte Wolfram Wagner eine die Handlung spritzig und mit viel Atmosphäre illustrierende Partitur, die sich in mehreren Schichten zwischen Entertainment und Dramatik ausbreitet und dank der häufig eingesetzten orientalischen Kurzhalslaute, dem Oud, auch nach dem Nahen Osten duftet. […] Nina Plangg bewältigt in Tornquists aufs Wesentliche reduzierter, fantasievoller Inszenierung die Rückwandlung von der alten Frau zum kleinen Mädchen atemberaubend. (Gerhard Persché, Opernwelt November 2011)
Der überzeugende Eindruck, den die Aufführung hinterließ, speiste sich aus vier Komponenten: das Schlosstheater selbst,als architektonischer Zeuge jener Epoche, die stimmige Musik von Wolfram Wagner, die Sängerin Nina Plangg als ‚Türkenkind‘, die treffende szenische Umsetzung. Wolfram Wagner hat in seiner Komposition mehr das rezitativische Element betont. Man kann der Erzählung problemlos folgen – noch dazu, wenn eine so gut artikulierende Sängerin wie Nina Plangg auf der Bühne steht. Die Musik ertönt handlungsnah, stimmungsvoll oder dramatisch, in eine zeitlose Moderne gebracht und besitzt einen Anstrich von klassizistischer Klarheit. Diese geht nur in wenigen, emotional besonders erschütternden Momenten verloren. Die Szenen umfl ort da und dort orientalisches Kolorit. Wenn Anna Maria aus ihrer Sklavenzeit erzählt, erklingt eine kurze ‚türkische Arie‘. Eine arabische Laute ergänzt das klassische Instrumentarium, vor allem mit solistischer Funktion. (Dominik Troger, operinwien.at, 17. September 2011)

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