Oper in Wien, 07.11.2016, Dominik Troger

Von der Hybris der Ärzte


Krankenhaus und Oper? Sirene Operntheater hat sich in der Kammeroper im Rahmen einer Trilogie an das Thema herangewagt. Der erste Teil wurde unter dem Titel „Hybris“ am 3. November uraufgeführt. Nachstehende Eindrücke beziehen sich auf die zweite Aufführung am 4. November.
Die Aufführung der Oper „Hybris“, die Simon Vosecek auf ein Libretto von Kristine Tornquist komponiert hat, begann mit einer Viertelstunde Verspätung: Nicht der Oberarzt hatte sich in der Kaffeepause verplaudert, sondern die Feuerpolizei nahm es ganz genau und gab den Saal für das Publikum erst nach eingehender Prüfung frei. Bei einem Komponisten, der eine Oper auf das Max Frisch-Stück „Biedermann und die Brandstifter“ geschrieben hat (2013 von der Neuen Oper Wien aufgeführt), ist das ein netter Zufall.
In „Hybris“ dreht sich alles um die Leber – und hypochondrischen Menschen sei der Abend nicht empfohlen, denn sie könnten dabei auf dumme Gedanken kommen. Im Zentrum der Handlung steht eine Lebertransplantation. Einem reichen, alten Bauunternehmer, dem Patienten Amos, wird die Leber von Soma, einem moldawischen Lebendspender eingepflanzt, der mit dem Geld, das er für die Hälfte seines Organes erhält, eine lebensrettende Operation für seine Tochter bezahlen möchte. Als Abstoßungsreaktionen auftreten, wird umgehend eine zweite Leber implantiert, die aus China beschafft worden ist. Amos stirbt bei der Operation. Sein erster Spender reist sehr geschwächt nach Moldawien zurück. Das Patientenportfolio wird zudem um einen Herrn Prommer bereichert, den alle für einen Simulanten halten, von dem sich aber ein Adler (!) nächtlich seine Atzung holt. Hinter Prommer verbirgt sich eine Anspielung auf den antiken Prometheus-Mythos. Auf ärztlicher Seite gibt es den väterlichen Primar Professor Jessing alten Zuschnitts, den Karrieristen, Transplantations-Freak und Oberarzt Dr. Kross und den von der Realität etwas überforderten Turnusarzt Dr. Klein. Zwei Krankenschwestern und ein seltsames Hausfaktotum, das weiß, wann Patienten sterben werden, ergänzen das Bühnenpersonal.
Wäre da nicht die Sache mit dem Adler und dem verkappten Prometheus, die Story wäre mit einigem Zynismus versehen ganz aus dem Spitalsleben gegriffen worden. Aber wie schon der Titel „Hybris“ ausdrückt, wurde über den Querverweis auf den antiken Prometheusmythos eine zweite, metaphysische Ebene eingezogen, die im Spital, wo der Tod trotz aller medizinischen Künste reiche Ernte hält, naturgemäß ihr Habitat findet. Der Adler darf als Metapher gelten für die Grenzen der Götter in Weiß, als Sinnbild für die bedrohlichen Träume, die die Patienten quälen. Die Auftritte des Adlers markieren zudem drei Nachtdienste und geben dem Stück eine klare Struktur – und dem Komponisten die Möglichkeit mit kurzen Intermezzi die Nächte auf der Transplantationschirurgie zu begleiten.
Aber es ist nicht so einfach, die sehr realistische Handlungsebene des Spitalsbetriebs und eine so bedeutungsschwere Metaphorik unter einen Hut zu bringen. Hinzu gesellte sich noch der ethische Anspruch, ein paar kritische Worte über den Organhandel in die Dialoge einfließen zu lassen. Die beiden Patienten Amos und Soma verlangten zudem das Mitgefühl des Publikums: ein bisschen viele Themen für eineinhalb Opernstunden, die sich in 20 Szenen (laut des dankenswerter Weise im Programmheft abgedruckten Librettos) gliederten. Die Figur des Adlers dürfte außerdem in der Endfassung (im Gegensatz zum gedruckten Libretto) noch aufgewertet worden sein, was seiner Funktion als mythologischem Querverweis nach meinem Eindruck mehr geschadet als genützt hat.
Dabei hatte die schwungvolle erste halbe Stunde, mit ein bisschen brechtisch und revuehaft zur Visite schreitenden Ärzten und der direkten Ansprache des Publikums eine gute Grundlage geliefert. Wenn Dr. Jessing den Anwesenden die Leber „erklärt“ oder der Oberarzt von der Bühne herunterkommend, der ersten Reihe Parkett seine Künste anpreist, dann wird auch eine für die Bühnenwirkung gefährliche Sentimentalität, die zum Beispiel im Schicksal des moldavischen Leberspenders lauert, geschickt konterkariert.
Die Musik des Komponisten Simon Vosecek hatte ihre Stärken in den ironischen Passagen. Die Instrumente – etwa die Posaune – wurde zu manch grotesker Charakterisierung eingesetzt, wobei die Ärzteschaft ein lohnendes Ziel abgab. Die Schilderung der beklemmende Spitalsumgebung und der Ängste der Patienten dienten möglicherweise flageolettgrundierte Klänge. Und bei den Operationen piepsten natürlich Apparaturen. Wie schon bei seinem „Biedermann“ hat der Komponist die Singstimmen stilistisch „konservativer“ angelegt, behielt Vosecek die Textverständlichkeit im Auge. Es gab einige arienartige Gesangsnummern in denen der Komponist die Figuren gut charakterisiert hat.
Während am Beginn das Auftauchen des Adlers musikalisch und szenisch Assoziationen mit der chinesischen Oper oder japanischem Theater erweckte, hätten die bereits angesprochenen Zwischenspiele vielleicht für eine dramatische Steigerung genützt werden können – aber so war jedenfalls die Einförmigkeit der Nachtdienste zu spüren. In ihrer Grundhaltung zeigte sich die Musik wohl mehr deskriptiv und kommentierend. Insofern bewegten sich Musik und Libretto ihrem Gehalt nach im Laufe des Abends immer weiter auseinander, weil die Musik zu dem vom Libretto beschworenen Ethos mehr auf Distanz zu bleiben schien. Neben einer kleinen Streicherbesetzung und Blasinstrumenten, Klavier und Schlagwerk mischte auch ein Akkordeon mit.
Die offene Bühne zeigte schon vor dem Beginn als Hintergrund eine gemalte Naturlandschaft – was natürlich verblüffte, weil das Publikum dachte, es würde in ein Krankenhaus „entführt“. Vor diese Naturlandschaft, Bäume, Gras, wie auf einem alten Gemälde, wurden dann die Krankenbetten geschoben. Links befand sich eine Art „Schwesternzimmer“, rechts das Büro des Primars. Wie immer bei Produktionen des sirene Operntheaters war die Personenführung bestens durchgearbeitet, mit Witz und einigem „schwarzen Humor“. Mit einfachen Mitteln wurden zum Beispiel die Operationen umgesetzt: einfach die Bühne mit einer Plane bis auf Brusthöhe abgedeckt und schon konnte in den Krankenbetten operiert werden. Die Produktionen des sirene Operntheaters sind immer sehr lehrreich, was eine klar strukturierte und zugleich kreative szenische Umsetzung betrifft.
Auf der Bühne war Rupert Bergmann als Primar die erforderte Autorität, die dem idealistischen Zugang des Turnusarztes (Georg Klimbacher) pragmatisches, an der Realität orientiertes Handeln gegenüberstellte. Dass ein erfolgreicher Arzt sich auch gut auf Selbstmarketing zu verstehen hat, zeigte Markus Miesenberger als transplantationsfreudiger Oberarzt. Vosecec hat hier einen Tenor dem Bassbariton von Bergmann gegenübergestellt – die Partie des mitfühlenden Dr. Klein hat er einem Bariton anvertraut. Die Spitalshierarchie zeigte sich in der gewählten Stimmlage gut vertreten. John Sweeny hatte im Bett liegend mit seinem Bariton dem Leiden und den Ängsten von Amos Ausdruck zu verleihen, der Tenor Richard Klein teilte als Soma mit ihm das Krankenzimmer. Der Tenor Bernd Lambauer spendete nächtens Teile seiner Leber dem Adler und äußerte sich dazu mit leidender Expressivität. Dazu gesellten sich noch Maida Karisik als mezzogestimmte und in der zeitgenössischen Oper erfahren Oberschwester und Ewelina Jurga, die als Krankenschwester und als Rechtsberaterin zum Einsatz kam. Johann Leutgeb fungierte als „Kranhausorakel", war er nicht nur Hilfskraft, sondern auch der Adler? Die Musikalische Leitung lag in den bewährten Händen von Francois-Pierre Descamps.
Das Publikum in der zu rund zwei Drittel gefüllten Kammeroper spendete länger anhaltenden dankbaren Applaus. Zwei Teile dieser „Hospital“-Serie gelangen noch zur Uraufführung: „Nemesis“ am 14. November und „Soma“ am 25. November.

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